Charlotte Roche : Feuchtgebiete

Durch Zufall und unter Anleitung einer männlichen Zufallsbekanntschaft hat Helen Memel die Intimrasur als ein für sie stimmiges Ritual entdeckt, das sie auch ohne einen Partner regelmäßig praktiziert – allerdings, wie es ihre Art ist – ausgedehnter und mit weniger Rücksicht auf etwaige Verletzungen. Und so bleibt es nicht aus, daß eine bis in die Analregion reichende Rasur zu Verletzungen an Hämorrhoiden und After führen, die eine Operation und einen Aufenthalt im Krankenhaus unumgänglich machen. Allerdings ist dieses Ritual nur eines von mehreren, die Helen seit Jahren ausübt. Extreme Praktiken der Masturbation gesellen sich zu einem recht eigenwilligen Umgang mit Körperflüssigkeiten und Sekreten, zu exhibitionistischen Neigungen und Inzestphantasien. Die Familie jedoch ist eine zweite schwärende und mit Sicherheit schwerere Wunde für die achtzehnjährige Schülerin, die sich ein kleines, unabhängiges Einkommen als Aushilfe an einem Gemüsestand verdient.

Ihren Krankenhausaufenthalt sieht sie als Chance, ihre seit langem geschiedenen Eltern wieder miteinander zu versöhnen. So versucht sie, die Besuche von Vater und Mutter auf einen Termin zu legen, scheitert aber, da sich die Mutter nicht unerheblich verspätet. Das Gespräch mit dem Vater ist mühsam, bleibt wie seit Jahren im Unpersönlichen. Nicht einmal an den Beruf des Vaters kann sie sich erinnern. Das Verhältnis zur Mutter ist noch komplizierter. Denn Helen meint sich zu erinnern, daß sie in ihrer Kindheit die Mutter bei einem Versuch des erweiterten Suizids gefunden habe, dem auch ihr damals noch kleiner Bruder ebenfalls zum Opfer gefallen wäre. In der nachfolgenden Zeit wurde das Thema totgeschwiegen. Stattdessen entwickelt sich die Mutter zur nachhaltigen Vermittlerin der geltenden Schönheits – und Hygienenormen. Wirkliche Zuwendung, wenn auch nur minutenweise, findet Helen bei Robin, einem Krankenpfleger, der von ihr und ihrer Art fasziniert ist.

Doch für Helens Versöhnungsplan wird die Zeit immer knapper. Entlassung droht, sobald sie normalen, unblutigen Stuhlgang hat. Unter diesem Druck wählt Helen ein drastisches Mittel, um ihren Krankenhausaufenthalt zu verlängern : sie öffnet die eigentlich schon verheilende Wunde, gerät durch den folgenden Blutverlust beinahe in Lebensgefahr und muß zudem feststellen, daß weder Vater noch Mutter erreichbar waren, um ihr in dieser brenzligen Situation Beistand zu leisten. Robin, den sie um Benachrichtigung ihrer Elternteile gebeten hatte, bevor die Notoperation begann, hatte nur die Anrufbeantworter erreichen können. Und auch danach wartet sie vergeblich. Nur ihr Bruder läßt sich sehen und bringt Kleidung vorbei, denn mit der nun fest vernähten Wunde meint man im Krankenhaus, sie ohne Risiko entlassen zu können. Doch den Weg zurück in die Wohnung der Mutter will Helen nicht gehen. Der einzige Ausweg scheint Pfleger Robin, in den sie sich in den Tagen des Krankenhausaufenthaltes verliebt hat.

Leser meiner Rezensionen, die eine eindeutige Empfehlung oder eine eindeutige Ablehnung dieses Buches erwarten, werden sich in diesem Fall enttäuscht sehen. Der Roman „Feuchtgebiete“ ist ein gutes Buch, zugleich ist er ein schlechtes Buch. Abzuraten sei zumindest schon einmal den Lesern, deren Ekelschwelle relativ niedrig angesiedelt ist oder die dazu neigen, sich in Büchern Geschildertes deutlich und lebendig auszumalen. Ein recht hoher Grad an Abstraktionsvermögen scheint mir hier eine wünschenswerte Fähigkeit des Lesers zu sein. Denn recht drastisch beschreibt Charlotte Roche Helens diverse Rituale, ihren Umgang mit Sekreten, Menstruationsblut und anderen Ausscheidungen. Dabei benutzt sie alternierend ein recht kindlich und präpubertär anmutendes Vokabular und die eher vulgären Varianten der deutschen Sprache. Auch die sexuellen und autosexuellen Szenen lassen gelegentlich an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, was den ursprünglich vorgesehenen Verlag Kiepenheuer und Witsch dazu veranlaßte, auf eine Veröffentlichung des Romanes zu verzichten, da man ihn dort als „pornographisch“ qualifizierte. Allerdings gehört zum Begriff der Pornographie in der gängigen Definition die Absicht, beim Leser / Zuschauer sexuelle Erregung hervorzurufen, was ich in diesem Roman für beinahe ausgeschlossen halte.

Die Leser, die das Buch weiterlesen und nicht entrüstet oder angewidert zur Seite legen, werden in Helens Gebaren eine permanente, verfestigte Protesthaltung gegen die Mutter und eine Reaktion auf das vermeintliche ? Kindheitstrauma erkennen können. Als Reaktion und in ihren Ursachen eher unreflektierte Handlung verharrt das Verhalten allerdings eher im Stadium kindlicher Hilflosigkeit, fernab „erwachsener“, entscheidungsgesteuerter Verhaltensweisen. Und so gestaltet sich dieser Roman – überraschenderweise – gegen Ende – noch als eine Art Entwicklungsroman, auch wenn die Gewißheit ausbleibt – und ausbleiben muß – daß Helen ihr Leben künftig wird meistern können. Den ersten Schritt ist sie aber zum Ende des kurzen Klinikaufenthaltes mit Sicherheit gegangen. Unverkennbar ist, zumindest nach der Meinung der Autorin, die literarische und gesellschaftliche Stoßrichtung des Romans. Mit seiner auf Eigenständigkeit und Einflußnahme bedachten und damit im weitesten Sinne als feministisch zu erkennenden Protagonistin will Charlotte Roche provozieren, gegen die Hygiene – und Kosmetikzwänge der heutigen Gesellschaft zu Felde ziehen. Dafür wählte Charlotte Roche die bis ins Groteske gehende Übertreibung und Überzeichnung von Verhaltensweisen, die vielen allenfalls als bescheidene, flüchtige Ansätze bekannt sein könnten. Eine „anale Phase“ ist als Stadium der Entwicklung eines Kindes immer wieder feststellbar, „Mukophagie“, das Verzehren von eigenen Körperbestandteilen, etwa Schorf, ist nicht eben ungewöhnlich. Roche motiviert – wenigstens halbwegs deutlich – Helens dahingehende Grenzenlosigkeit mit der traumatischen Erfahrung aus Kindertagen, ohne allerdings deutlich zu konstatieren, daß diese Erinnerung auf Tatsachen beruht. Der Leser jedoch, und insofern ist der Hintergrund klug konstruiert, wird letztlich zu dem Schluß gelangen (müssen), daß Helen eben jenen Versuch des erweiterten Suizids erlebt haben wird und entsprechend traumatisiert wurde.

Dennoch will mir scheinen, daß eben jene groteske Überzeichnung unseligerweise eine Art „Overkill“ ist, der gute Ansätze mindestens beschädigt, der auch die von der Autorin geplante Provokation verpuffen läßt. Denn es steht meiner Meinung nach kaum zu erwarten, daß angesichts unzähliger und ausgedehnter Ekel – Passagen, sprachlicher Derbheiten eine von der Autorin gewünschte Auseinandersetzung stattfindet. Und nur am Rande übrigens findet der Angriff auf eine der bestimmenden und vorantreibenden Institutionen in dieser Auseinandersetzung statt : auf die Industrien der Zweige Kosmetik, Hygiene und Putz – und Waschmittel. Im Vordergrund, bedingt durch die Figur der Mutter, stehen eher die gesellschaftlich tradierten Normen, ohne daß die Ursachen und treibenden Kräfte meines Erachtens deutlich genug betrachtet würden. Dennoch darf man nicht dem Trugschluß unterliegen, ein Autor dürfe nicht so provokant schreiben, daß die Mehrheit der Leser das Buch angewidert abbreche oder doch letztlich nach vollendeter Lektüre mit heftigem Kopfschütteln beiseite lege. Doch, das darf ein Autor, sogar ohne an literarischer Gültigkeit oder Rang zu verlieren. Als Beispiel dafür mag „American Psycho“ von Bret Easton Ellis dienen, das in meinen Augen eine der tiefschürfendsten Diagnosen der achtziger Jahre in den USA darstellt. Doch diesen Rang erreicht Charlotte Roche mit „Feuchtgebiete“ bei weitem nicht.

Allerdings sind in diesem Roman durchaus auch Qualitäten zu verbuchen, die das Lesen über eine reine Pflichtlektüre hinaus interessant, spannend und sogar unterhaltsam machten. Roche versteht es nämlich, ihre Figur Helen gleich konsistent, präsent und – nebenbei – beinahe liebenswert zu gestalten. Ihr fast pubertär plappernder Erzählstil trägt über die gerade 220 Seiten des Buches mit ziemlicher Leichtigkeit. Sie scheint ausschließlich ich – bezogen, kindlich in ein Spiel mit sich selbst und mit ihrer „Neurose“ versunken, ist dabei aber durchaus zu erstaunlichen Beobachtungen fähig. Ein weiteres Plus dieses Romans ist der immer wieder durchblitzende Humor, der regelmäßig ein Schmunzeln, ab und an sogar ein recht breites Grinsen auf die Lippen zaubert. Subsummiere ich meine Eindrücke, kommt dabei allerdings das nüchterne Urteil „Weniger wäre Mehr gewesen“ heraus. Und so wünsche ich der Autorin, daß sie ihren Erstling als eine Art Spielwiese betrachtet, auf der sie ihre Kräfte und Fähigkeiten hat ausprobieren können, um ein rechtes Maß zu finden, das bei weiteren Versuchen zielführender, dosierter und damit besser eingesetzt werden kann.

Bibliographische Angaben :

Charlotte Roche : Feuchtgebiete

Dumont Verlag

ISBN : 978-3832180577

© Jost Renner

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