Michel Matveev : Das Viertel der Maler

Michel Matveev, der eigentlich Joseph Constantinovsky hieß, gehört im deutschsprachigen Raum vermutlich zu den weitgehend unbekannten Autoren. 1892 in Jaffa geboren, verläßt er 1919, nachdem Vater und Bruder bei einem Pogrom getötet wurden, die noch junge Sowjetunion in Richtung Israel, um dort als Bildhauer und Maler in Tel Aviv zu arbeiten. Bald schon zieht es ihn weiter, und über die Türkei und Rumänien gelangt er 1923 nach Paris. Er nennt sich nun Joseph Constant und führt eine weitgehend prekäre Existenz als Bildender Künstler. Anhaltender Geldmangel bewegt ihn, auch als Autor tätig zu werden. Dafür wählt er das Pseudonym Michel Matveev.

1928 debütiert er mit dem weitgehend autobiographischen Buch „Die Armee der namenlosen Revolutionäre“, in dem er die Vorgänge der Revolution von 1905 und seine und seines Vaters Rolle darin beschreibt. Literarisch gesehen ist dieser Text eher eine Mischform aus Sachbuch und Bericht. Nach weiteren Veröffentlichungen erscheint 1947 sein semi-autobiographischer Roman „Das Viertel der Maler“.

In diesem Buch schildert Matveev nun sein Leben als Künstler, aber auch das seiner meist ebenfalls jüdisch-osteuropäischen Kollegen und – Leidensgenossen. Hatte er zunächst versucht, Broterwerb und künstlerische Arbeit miteinander zu vereinbaren, um sich eine zumutbare Unterkunft leisten zu können, die als Atelier und Wohnraum zu dienen hatte, läßt er die reguläre und bezahlte Arbeitsstelle bald fallen, um sich ausschließlich der Kunst zu widmen. Die Folgen sind absehbar : seine bisherige Wohnung ist für ihn unerschwinglich, und nach einiger Zeit, die er auf Pariser Straßen oder bei einem Freund notdürftig untergebracht verbringt, landet er in der Künstlerkolonie „La Ruche“ im 15. Arrondissement, die 1902 vom französischen Bildhauer Alfred Boucher in einem ehemaligen Bau Gustave Eiffels für die Weltausstellung gegründet wurde. Die Wohnräume, die gleichzeitig Ateliers waren, kosteten nicht viel, waren aber bar jeder Annehmlichkeit. Hier sammeln sich vor allem Künstler aus Osteuropa, meistens sind und bleiben sie erfolglos. Zu den bekanntesten derer, die es geschafft haben, gehören etwa Marc Chagall, Robert Delaunay, Amedeo Modigliani und Blaise Cendrars. Das Leben der Gescheiterten, zu denen sich Matveev – nicht ganz ohne Stolz – selbst zählt, ist recht eintönig : man klappert die Galerien ab, um seine Werke zu verkaufen, schaut nach, wie Bilder von sich in Ausstellungen platziert wurden (meist natürlich in den hintersten, dunkelsten Ecken), geht ins Bistro, um zu kommunizieren oder sich ein Getränk ausgeben zu lassen oder träumt von Frauen. Die Affäre des Ich-Erzählers mit Françoise endet schnell – und wird zu einer Nemesis, denn immer wieder begegnet er ihr, zuletzt als Muse und Geliebte verschiedener anderer Künstler. Endlich einmal hat er einen bescheidenen Erfolg : ein Sammler entdeckt und fördert ihn. Er verbringt, bezahlt vom Mäzen etliche Monate auf dem Land …

Wirkliche künstlerische Anerkennung erfährt Joseph Constant / Michel Matveev erst nach dem zweiten Weltkrieg. Bis zu seinem Tod im Jahr 1969 arbeitete er in Frankreich und Israel. Doch sein Buch gibt einen wertvollen Einblick in die Welt der Gescheiterten, der Exilanten aus Osteuropa, die vor Pogromen oder der russischen Revolution geflohen waren. Er schildert Typen, Menschen, ohne sie mit den wirklichen Vorbildern zu identifizieren. Ihm geht es weniger darum, einen Bericht zu verfassen, sondern eine Welt widerzuspiegeln, in der Scheitern zum Lebensentwurf gehört, in der Reibereien und Solidarität einander abwechseln. Seine Menschen sind kauzig, biestig, liebenswert und auch in nicht geringem Maße selbstgefällig. So entsteht für den Leser ein intensiver und damit höchst interessanter Kosmos. Matveev bleibt sprachlich eher nüchtern, nichts ist zu spüren von emotionalem Überquellen, und so bleibt jede Romantisierung, jeder Kitsch fern. Es ist also dem Weidle Verlag zu danken, einen Autor entdeckt zu haben, der in unseren Gefilden eher unbekannt geblieben ist und doch die Annäherung lohnt. Zwei weitere Bände sind dort ebenfalls erschienen.

Bibliographische Angaben :

Michel Matveev : Das Viertel der Maler

Übersetzt von Rudolf von Bitter

Weidle Verlag

ISBN : 978-3938803769

© Jost Renner

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