Paul Auster : Reisen im Skriptorium

In einem Zimmer sitzt ein alter Mann auf dem Bett. Er versucht zu ergründen, wie er dorthin gelangt ist, wo er sich befindet und wer er eigentlich ist. Der Raum erinnert an eine Zelle oder an ein Zimmer in einer Pflegeeinrichtung. Das Fenster ist unzugänglich, Türen, Schränke nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ebenso weiß er nicht, daß Kamera und Mikrophone sämtliche Bewegungen und Lautäußerungen minutiös aufzeichnen. Bemerkenswert in diesem Raum ist, daß sämtliche Gegenstände beschriftet sind : Am Tisch klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Tisch“, an den Wänden finden sich beschriftete Klebestreifen mit dem Schriftzug „Wand“. Inmitten des Raumes befinden sich Tisch und Bürostuhl, auf dem Tisch Stapel mit Manuskriptseiten und einige Photographien. Der Leser erfährt wenig über den Mann : daß er Mr. Blank heißt, daß er zwischen sechzig und einhundert Jahre alt ist, daß er dement scheint und auch körperlich unter Ausfallerscheinungen leidet. Der Weg zum Tisch ist mühsam. Er betrachtet – recht verständnislos – den Stapel der Photographien, meint aber eine abgebildete Frau, etwa im Alter von fünfundzwanzig Jahren, zu erkennen, ohne daß er jedoch genau wüßte, um wen es sich handeln könnte. Als er sich einige Seiten von einem der Papierstapel greift und darin zu lesen beginnt, wird er durch das Telefon unterbrochen. Eine ihm fremde Person kündigt ihren zweiten Besuch an, ohne daß sich Blank an einen ersten überhaupt erinnern könnte. Doch dann betritt eine Pflegerin, Anna Blume, den Raum. Sie ist um die fünfzig und behauptet, die junge Frau auf der Photographie zu sein. Blank, der sich sofort zu ihr hingezogen fühlt, allerdings auch ein undefinierbares Schuldgefühl empfindet, läßt sich von ihr versorgen, füttern, baden und mit Medikamenten versehen, die für die Behandlung unumgänglich seien, auch wenn sie ein starkes Zittern hervorrufen. Der angekündigte Besucher, James P. Flood, erscheint. Er scheint auf der Suche nach seiner Identität und seiner Bestimmung zu sein, doch Blank, dessen Erinnerung immer noch sehr lückenhaft ist, kann ihm kaum weiterhelfen. Nachdem der Besucher verschwuunden ist, widmet er sich wieder der Lektüre des Manuskriptes : auch hier sitzt eine Person in einer Zelle. Er wurde festgenommen, nachdem er von einem Grenzübertritt zurückkehrte. Nach und nach werden die Einzelheiten der Geschichte deutlicher : die Erzählung spielt in einem imaginären Staatsgebilde, der Konföderation, das den USA recht deutlich nachempfunden wurde. Der Protagonist, der im Auftrag der Regierung unterwegs war, um Hintergründe über Grenzkonflikte und das Verschwinden eines Freundes zu klären, scheint in die Hände eines korrupten Grenzkommandanten geraten. Doch bevor Blank weiteres erfahren kann, bricht das Manuskript ab. Zudem erscheint der nächste Besucher. Er scheint der behandelnde Arzt zu sein und drängt Blank, die Geschichte zuende zu erzählen. Erst widerstrebend, zumal er den Anfang der Erzählung als mißlungen empfindet,läßt sich Blank darauf ein, gerät dann aber in Fahrt. Erst recht, als dann sein Besucher verschwindet : jetzt läßt er seiner Phantasie fast lustvoll seinen Lauf, versieht die Handlung mit überraschenden Volten. Sein Protagonist kommt auf die Spur einer unvorstellbaren Gewalttat und einer unglaublichen Verschwörung, ohne daß er sie erkennt und seine Rolle darin einzuschätzen wüßte… .

Der Roman „Reisen im Skriptorium“, der national und international auf geteiltes Echo stieß, ist wohl vollkommen nur für Auster – Liebhaber mit einem guten Gedächtnis zu genießen. Denn Paul Auster hat sich in diesem doppelbödigen Werk vor allem mit seinem Werk und seiner Rolle als Autor auseinandergesetzt. Außer Mr. Blank sind alle Personen schon aus früheren Werken Austers bekannt : Anna Blume, die Pflegerin, stammt aus dem Roman „Im Land der letzten Dinge“, der Besucher James P. Flood wurde im dritten Teil der „New York – Trilogie“ – „Hinter verschlossenen Türen“ zum letzten Mal gesichtet, das Manuskript, das Mr. Blank so fleißig weiterspinnt, stammt aus „Nacht des Orakels“. Und weitere Figuren geben sich direkt oder durch Erwähnung ein Stelldichein : Daniel Quinn, Peter Stillman, John Tauser u. a.m.
Ich muß an dieser Stelle zugeben, daß es mit meinem Gedächtnis nicht allzu gut bestellt ist, daß ich also, um eine Ein – und Zuordnung des eigentlich recht übersichtlichen Figurenkreises zu bewerkstelligen, auf etliche hilfreiche Rezensionen zurückgreifen mußte. Mehrheitlich bemängelten die Rezensenten eine deutliche Selbstreferenzialität und noch übelgelaunter : die (vermeintliche) Eitelkeit des Autors. Zudem sahen viele die Intertextualität und den Hang zur Metafiktion, also das Spiel mit (den eigenen) Texten und die Verschachtelung verschiedener Erzählebenen, inklusive einer, in der das Schreiben als solches problematisiert und zu einem wesentlichen Teil des Textes wird, als selbstgewähltes – und in diesem Falle : zu enges – Gefängnis.
Dennoch schlage ich mich an dieser Stelle ganz entschieden auf die Seite der Rezensenten, die diesen kurzen Roman uneingeschränkt für gut befinden. An keiner Stelle empfand ich beim Lesen eine Beengung oder gar Langeweile. Im Gegenteil konnte ich einen höchst intelligent konstruierten, keineswegs witz – oder humorlosen Text genießen, der in einer kaum vorauszuahnenden Pointe gipfelt. Ich habe meine Recherche über die verwendeten Personen erst nach Ende der Lektüre und nur zum Zwecke, eine hilfreiche Rezension zu verfassen, geführt, denn auch in Unkenntnis der konkreten Herkunft, war mir alsbald klar, daß es fiktive Personen aus dem Werk des Mr. Blank sein müßten, die ihren Schöpfer, Erfinder nach ihrer künftigen Rolle fragten, nach dem Sinn ihrer Existenz auch nach Veröffentlichung des Werkes, in dem sie verwendet wurden, besonders da dieser sie nicht selten – einem grausamen Gotte gleich – auf gefährliche und existenzerschütternde Missionen geschickt hatte. Vielen Romanfiguren, nicht aber dem Autor, eignet ja eine Unsterblichkeit in den veröffentlichten Werken. Deutlich wird diese Diskrepanz an der Hinfälligkeit des Mr. Blank, während seine Figuren zwar gealtert, aber dennoch höchst lebendig sind. Allerdings wäre Paul Auster denn auch nicht Paul Auster, wenn er genau dieses Thema in seiner Schlußpointe nicht noch einmal mit einem Augenzwinkern drehte. Einige Kritiker stießen sich auch an der Konstruktion, in der – für sie recht unvermittelt – mit einer längeren Binnenerzählung gearbeitet wird. Hier – und durch das Literarische dreifach abgefedert – wird Paul Auster politisch : unverhohlen beschreibt er in einer Art phantastischen Erzählung eine imperialistische, tückische und gewaltbereite USA, die ohne Rücksicht auf Verluste bei Gegnern und eigenen Staatsbürgern einen Grenzkonflikt in Gang setzt, um ihr eigenes Staatsgebiet zu erweitern. Mir selbst will nicht scheinen, daß die Konstruktion einer Binnenerzählung generell verwerflich wäre, solange es Bezüge zu den im Erzählrahmen agierenden Protagonisten gibt. Und hier hat Mr. Blank eine sogar doppelte Rolle inne : ist er doch zunächst Leser und dann – in seiner wachsenden Lust an der Fortführung der Erzählung, an den grausam erfundenen Verwirbelungen identifiziert sich Blank ja auch endgültig für den ganzen Roman – als Autor, dessen Geist im Umgang mit dem literarischen Handwerk zu höchster Form aufläuft. Auch die Form des Politischen mag mich hier und so nicht verwundern. Höchst zweifelhaft wären in jeder guten Literatur politisch – programmatische Manifeste, und dennoch – da Politik immer in den Lebensbereich des Menschlichen und damit auch unzweifelhaft in den der Literatur gehört – muß sie nicht gänzlich ausgeklammert bleiben. Auster hat seine politische Meinungsäußerung nicht nur fiktionalisiert, sondern zugleich in seine literarischen Metastrukturen mehrfach eingebunden. So bleibt gewährleistet, daß es sich um einen (guten, wie ich meine) literarischen Text handelt und nicht zur politischen Waffe mit zweifelhafter Qualität wird. Gerade auch die Weitererzählung durch Mr. Blank wirft ein bezeichnendes Licht auf ihn als Erzähler, auf die zum Teil unvermeidliche Rolle eines Schriftstellers. Ich bin mir bewußt, daß dieses Buch nicht immer auf Zustimmung oder befriedigte Leser stoßen wird, allerdings halte ich selbst den Roman für ein gelungenes Kabinettstückchen, dem ich gern den ein oder anderen begeisterten Leser wünsche.

Bibliographische Angaben :

Paul Auster : Reisen im Skriptorium

Übersetzt von Werner Schmitz

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499243417

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