Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

In Deutschland wurde man auf Peter Ackroyd zunächst durch seine Romane aufmerksam, die sich mit Geschichte und historischen Persönlichkeiten auseinandersetzten. Allerdings war er, der englische Literatur studiert hatte und als Literaturkritiker arbeitete, in Großbritannien auch wegen seiner Biographien von T.S. Eliot, William Blake, Ezra Pound und Charles Dickens bekannt. Im Jahre 2000 veröffentlichte er mit „London. The Biography“ ein kulturgeschichtliches Sachbuch, das zusammen mit „Albion : The Origins of the English Imagination“ (2002) und dem hier vorgestellten Band „Thames. Sacred River“ (2007) eine Trilogie bildet. Während der zweite Teil erst gar nicht in Übersetzung veröffentlicht wurde, sah sich der deutsche Verlag veranlaßt, den Titel dieses dritten Bandes in „Die Themse. Biographie eines Flusses“ zu ändern. Diese Entscheidung mag man bedauern und sie allein dem Marketing zuschreiben, allerdings ist die Vorgehensweise Ackroyds in den Büchern über London und die Themse dieselbe, und nicht zuletzt ist London auch das eigentliche Zentrum seiner Ausführungen über diesen Fluß.

Die Themse ist ein 346 km langer Flußlauf, der bei Thames Head in der Nähe von Kemble entspringt und bei Southend in die Nordsee mündet. Bis nach London hinein sind die Gezeiten spürbar, und der Fluß führt dort Brackwasser. Während des Pleistozäns waren die Britischen Inseln und Kontinentaleuropa zeitweise (ca. 57.000 bis 15.000 v. Chr.) eine zusammenhängende Landfläche und die Themse ein Nebenfluß des Rheins. Die Herkunft des Namens ist nicht genau geklärt, wahrscheinlich scheint, daß er bretonisch-keltischen Ursprungs ist (Tamesas) und „dunkel“ bedeutet. Auch eine indo-europäische Variante mit der ähnlichen Bedeutung „schlammig“ wäre denkbar. Seit etwa 500.000 v. Chr. siedeln Menschen am Ufer dieses zweitlängsten Flusses Großbritanniens. Kein Wunder, daß das Gewässer die Menschen und das Land tief geprägt hat. Peter Ackroyd spürt den spirituellen Aspekten – Father Thames, Isis ! und Maria ebenso nach wie den historischen Ereignissen. Immerhin wurde die Magna Charta auf einer Themse-Insel unterzeichnet, wurden mit Oxford und Cambridge die wichtigsten Universitäten in nächster Nähe gegründet und eben London, die Hauptstadt einer Handels- und Weltmacht.

Außer im letzten von 46 Kapiteln geht Ackroyd dabei weder geographisch noch historisch vor. Wie aus seinem London-Buch schon bekannt, wählt er thematische Schwerpunkte, in denen er jeweils viele Fakten, Anekdoten und Zitate bündelt. Da stehen dann Aussagen zu Farben und Licht – und deren künstlerische Wahrnehmung gleichwertig zu Abschnitten über die Veränderung Londons, über ökologische und medizinische Aspekte, über Malerei und Literatur, und er kann die wichtigsten britischen Geister – von Chaucer über Shelley, Charles Dickens oder William Turner als Zeugen aufrufen und zitieren, denn sie alle haben zeitweise oder ihr ganzes Leben an den Ufern der Themse gelebt und den Fluß zu einem Thema ihrer Kunst gemacht. Selbst den deutschen Reisenden und Schriftsteller Karl Philipp Moritz zitiert er ausgiebig.

Die „Zeit“ bezeichnet Peter Ackroyd in ihrer Kritik zu dem hier besprochenen Buch als „Privatgelehrten“, und dies nicht zu Unrecht : immerhin hat er Englische Literatur studiert, nicht aber Geschichte. Doch auch in seinem literarischen Schaffen spielte die Geschichte schon immer eine große Rolle, und seine Bücher galten als ausgiebig recherchiert. Wiewohl er immer wieder auch belletristische Werke veröffentlicht, scheint sich sein Schwerpunkt in Richtung Geschichte zu verlagern, immerhin veröffentlichte er inzwischen eine sechsbändige Serie mit Jugendbüchern zur Weltgeschichte und fünf Bände einer englischen Geschichte. Ein Romancier hatte er eigentlich niemals sein wollen :

„I enjoy it, I suppose, but I never thought I’d be a novelist. I never wanted to be a novelist. I can’t bear fiction. I hate it. It’s so untidy. When I was a young man I wanted to be a poet, then I wrote a critical book, and I don’t think I even read a novel till I was about 26 or 27.“

sagte er in einem Interview mit Patrick McGrath 1989. Und doch sind es eben auch seine literarischen und erzählerischen Qualitäten, die das Lesen dieses Buches zu einem Genuß machen. Nur ab und an häuft er Fakten in reinen Aufzählungen, sondern geleitet den Leser mit sprachlichen Mitteln und erzählerischem Können durch die knapp 580 Seiten. Spürbar sind auch sein Enthusiasmus für London, seine Begeisterung für den Fluß und auch die britische Nation, ohne daß man nationalistische Mißtöne wahrnehmen müßte. Für Peter Ackroyd ist die Themse vor allem eines : „Liquid History“ – von den urzeitlichen tropischen Tieren bis zur heutigen Zeit, in der es die Londoner kaum zum Flanieren an die Ufer der Themse zieht (sofern sie es dank Bebauung überhaupt können …

Bibliographische Angaben :

Peter Ackroyd : Die Themse : Biographie eines Flusses

Übersetzt von Michael Müller

Abrecht Knaus Verlag

ISBN : 978-3813503166

© Jost Renner

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al. : MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Nachdem ich Gergely Péterfys Roman „Der ausgestopfte Barbar“ gelesen hatte, interessierte mich der generelle Umgang europäischer Gesellschaften mit Angehörigen indigener Völker. Bei meinen Recherchen stieß ich auf das nun hier vorgestellte Buch, das sich mit den Menschenzoos, also den Völkerausstellungen in Europa, den USA und Japan wissenschaftlich beschäftigt. Es ist dies ein Sammelband, der zunächst in Frankreich, später – um englischsprachige Beiträge erweitert – in Großbritannien erschien und vor einigen Jahren nun auch in deutscher Übersetzung in einem kleinen, eher unbekannten Verlag veröffentlicht wurde. Unter der Herausgeberschaft von fünf Autoren wurden hier die mit maximal 20 Seiten relativ kurzen Texte von gut dreißig Autoren gesammelt. Nur der einleitende Teil, der eine Gesamtdarstellung des Phänomens liefert, ist – wesentlich – länger geraten.

Phänomen ? Ja, ein solches sind diese Unternehmungen, denn zwischen 1800 und ca.1940 besuchten mehr als eine Milliarde Menschen diese Art von Veranstaltungen, die mit Unterhaltungswert, Schauder und wissenschaftlichem Bildungsanspruch ein Publikum, d.h., einen Markt zu erreichen versuchten. Die Autoren sehen, nicht ganz zu Unrecht, den Ursprung auch bei den Freakshows, also der Ausstellung von Menschen mit besonderen körperlichen Merkmalen, die nicht der Norm entsprachen und in der Antike und im Mittelalter teils noch religiös konnotiert waren. Von der ägyptischen Hochkultur an, sammelten Fürstenhäuser und Könige solche „Kuriositäten“, und erst die Französische Revolution demokratisierte das und machte sowohl unter Mißbildungen leidende Menschen als auch Angehörige indigener Völker der breiten Öffentlichkeit, aber auch der Wissenschaft zugänglich.

Die Wissenschaft jener Zeit allerdings war nicht weniger vorurteilsbehaftet als die allgemeine Bevölkerung. Phrenologie, Anatomie mischten sich mit sozialdarwinistischen Überzeugungen, und so war man allerorten damit beschäftigt, die niedere evolutionäre Rangstufe – knapp oberhalb der Tierwelt oder den Tieren sogar gleich – solcher Menschen zu bestätigen. Und so ist es nicht wirklich verwunderlich, daß sie nicht selten in Zoos und dort in Gehegen ausgestellt wurde. Zäune und Gitter allerdings sollten auch die Kommunikation mit den Besuchern verhindern, um die Inszenierung nicht durch Mitleid der Besucher oder Wahrnehmung einer gleichwertigen Intelligenz zu gefährden.

Inszenierungen waren es : die wenigsten Ausgestellten waren gezwungen worden, sondern bekamen Verträge und Entgelt und wurden so Darsteller des von ihnen imaginierten Bildes. Die „Arbeitsbedingungen“ waren jedoch zumeist erbärmlich und – gefährlich. Denn nicht selten starben die Ausgestellten etwa an Krankheiten, für die ihr Immunsystem kaum ausgestattet war. Oder die hygienischen Verhältnisse forderten Opfer. Widerstand dagegen gab es selten, aber doch ab und an, und auch erste Wissenschaftler äußerten Unmut, als der Bildungsvorwand nach und nach wegfiel und der Unterhaltungsaspekt in der Vordergrund kam.

Doch ging es nicht ausschließlich um Unterhaltung und dem mit ihr zu erwirtschaftenden Gewinn, wenngleich das für William „Buffalo Bill“ Cody oder Hagenbeck in Deutschland im Mittelpunkt gestanden haben dürfte. Durch die Abgrenzung vom Fremden, Exotischen konnten sich nämlich einerseits Gesellschaften definieren, andererseits konnten die westlichen (und östlichen – nämlich Japan) Staaten in der Hochzeit des Imperialismus die Ausbeutung ihrer Kolonien damit rechtfertigen, indem sie Menschen zu Wesen kaum unterschieden von der Tierwelt definierten oder später auf ihre begrenzte Anpassung verwiesen. Daß immer wieder auch und gerade Menschen ausgewählt wurden, deren körperliche Merkmale Besonderheiten aufwiese – Albinismus, Kleinwüchsigkeit oder zusammengeschnürte und damit mißgebildete Füße – erhöhte den Reiz und die Abgrenzung und rechtfertigt den Bezug der Autoren zu den Freakshows. Dumm nur, wenn – wie in Japan – unterworfene Staaten ihre Angehörigen schützten und so so den Abzug von Koreanern und Vietnamesen erzwangen. Der Rassismus selbst allerdings wurde auch von ihnen nicht grundsätzlich in Frage gestellt : die Ainu, die indigene Volksgruppe Japans galt allen als minderwertig, nur wollte man nicht auf eine Stufe mit ihnen gestellt werden.

Die interdisziplinäre Aufarbeitung – Geschichte, Anthropologie, Kommuniktionswissenschaft u. a. – war lange fällig, zumal der Zweite Weltkrieg und die Entkolonialisierung, die im Wesentlichen in den sechziger Jahren mit dem Ende des französisch-algerischen Unabhängigkeitskrieges genügend Ansatzpunkte geboten hätten, dieses Thema schon früher zu behandeln. Doch es wäre ein Trugschluß, dieses Phänomen hätte da schon geendet : Filme – wie etwa „Indiana Jones“ – transportierten noch jüngst ähnliche Stereotypien, wenn auch abgemildert, und die letzten Ausstellungen von indigenen Menschen gab es im 21. Jahrhundert, in den USA, in Belgien und in Augsburg (sic !).

Dieser Band gibt den Lesern einen guten – und so weit möglich – umfassenden Überblick über dieses Phänomen, und daß es kaum Stimmen der Ausgestellten oder private Aufzeichnungen er bürgerlichen Betrachter gibt, ist von ihnen nicht zu verantworten. Auch der Sonderfall Schweiz, die ja nirgends kolonial engagiert war und dennoch ein kongruentes Menschenbild tradierte, ist ein nicht ganz auserforschter Bereich, da es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zu wenig Daten gab, die Hypothesen allerdings scheinen tragfähig und belastbar. (Inzwischen gibt es ein Buch, das sich mit diesem Thema auseinandersetzt.) Bei aller Wissenschaftlichkeit bleibt das Buch gut lesbar und für den Laien verständlich. Die kaum vermeidbaren Überschneidungen von einzelnen Beiträgen sind unvermeidlich und stören kaum, da immer neue Zusammenhänge eruiert werden. Ich denke, gerade in der heutigen Zeit, in der der Rassismus wieder salonfähig zu werden scheint, ist die Lektüre empfehlenswert, umso mehr als der Band das Thema fundiert und detailliert darstellt.

Bibliographische Angaben :

Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch, Eric Deroo, Sandrine Lemaire et al.: MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit

Übersetzt von Susanne Buchner-Sabathy

Les éditions du Crieur Public

ISBN : 978-3981506204

© Jost Renner

Gergely Péterfy : Der ausgestopfte Barbar

Am 27.Oktober 1831 steht Sophia Török im Magazin des Wiener Naturalienkabinetts, eines Vorgängers des Naturhistorischen Museum, und betrachtet ein Exponat, das inzwischen zu zerschlissen ist, um es noch öffentlich zu präsentieren. Bei diesem Ausstellungsstück handelt es sich um eine Gruppierung von vier ausgestopften afrikanischen Menschen, die noch einige Jahre zuvor mitten unter den Wienern gelebt hatten und nach ihrem Tod auf Anweisung Kaiser Franz, des Ersten, gehäutet, präpariert und ins Museum verfrachtet worden waren. Zwei dieser Menschen waren, wenn auch durchaus unterschiedlich, in der Wiener Gesellschaft bekannt und anerkannt. Einer war Tierpfleger im Zoo und inszenierte sich zum Gaudium des Publikums bei der Tierfütterung, der andere, Angelo Soliman, galt als hochgebildet, war Mitglied der Freimaurer und verkehrte mit den wichtigsten Geistesgrößen seiner Zeit.

Sophia Török war die Ehefrau des Gelehrten und Übersetzers Ferenc Kazinczy, eines ungarischen Adligen, der sich im Sinne der Aufklärung für eine Verbesserung der Gesellschaft engagierte und sich bald in eine Verschwörung gegen den Staat verwickeln ließ. Das brachte ihm schließlich sieben Jahre Haft ein, und nur knapp entrann er der Hinrichtung. Ihn verband mit Angelo Soliman eine recht enge Freundschaft, auch weil beide das Gefühl teilten, in Wien nur geschmähte und verspottete Außenseiter zu sein : der Barbar mit der dunklen Haut, den man berühren, hätscheln durfte, der selbst aber nicht berühren durfte, und der Angehörige eines fremden, kaum zivilisierten Volkes, dessen heimatliche Tracht in Wien zu Spott und Aggression herausforderte.Und beide empfinden sich als der Gesellschaft intellektuell überlegen …

Kazinczy wird der Vertraute des Jahrzehnte älteren Solimans. Ihm erzählt der Afrikaner sein Leben, seine Kindheit, in der er in einen unerbittlichen Bildungsprozeß gepresst wurde, in der er Hätschelobjekt für alle und jeden gewesen war, aber auch gleichsam Leibeigener und, daraus resultierend, auch Bestandteil der Erbmasse, als sein Besitzer und Förderer starb. Für viele Frauen ist er erotisches Lustobjekt und erfüllt auf Anweisung seines Herren solcherlei Wünsche. Liebe findet er aber erst bei einer jüdischen Bankierswitwe, die ihn als Mann und Menschen wahrnimmt, nicht aber als Schwarzen. Aber auch sie weiß, daß er einer Gattin bedarf, um sich im bürgerlichen Sinne etablieren zu können. Und er findet sie, lebt zunächst zurückgezogen in einer liebevollen Ehe, muß aber später bemerken, daß die Gattin und er sich auseinander gelebt haben. Als sie stirbt, muß er die gemeinsame Tochter allein erziehen.

Ferenc Kazinczy derweil kommt in Berührung mit anderen Teilen der Freimaurerei : sein Mentor und späterer Schwiegervater ist Rosenkreuzer und Alchemist, andere Bekannte bezeichnen sich als Illuminaten und streben die Revolution an. Und hier läßt er die notwendige Vorsicht – im Gegensatz zu Angelo Soliman – außer acht. Seine Haftzeit ist unerquicklich, aber er bleibt vom Tode verschont. An einem Ereignis aber trägt er schwer.

Nach der Haftentlassung beginnt ein schweres Leben für Ferenc Kazinczy : er hat sich – von seinem Bruder entrechtet – in die ungarische Provinz zurückgezogen, lebt unter Bauern, die alles Fremde ablehnen, sei es auch nur eine nicht in Ungarn heimische Pflanze. Und doch träumt er davon, Ungarn zu einem kulturellen Zentrum zu machen, ihm eine eigene Sprache zu geben, und so schreibt und übersetzt er, ohne allerdings ein nennenswertes Echo zu finden. Als die Cholera ausbricht, zeigt sich stattdessen ein ganz eigenes ungarisches Nationalbewußtsein : der Mob zieht gegen Juden, Adlige und Großgrundbesitzer zu Felde, weil die angeblich die Bevölkerung vergifteten … Kurz bevor Kazinczy selbst ein Opfer der Cholera wird, erzählt er ihr das, was er nicht aufschreiben konnte, woran er aber seit langen Jahren schwer trug …

Historische Romane gehören nur selten zu meinem Lesepensum, und ich bewahre ihnen gegenüber meist eine, zumindest teilweise, nur schwer erklärbare Skepsis. Das mag an einschlägig schlechten Erfahrungen mit Gordons „Medicus“ oder „Der Päpstin“ von Cross liegen, wenngleich dagegen dann wieder Yourcenar, Feuchtwanger oder von Niebelschütz – und nun also auch Péterfy – als positive Gegenbeispiele in der Waagschale liegen. Es ist immerhin mehr Skepsis als wirkliche Ablehnung des Genres insgesamt, denn es fragt sich, in wieweit das Denken und Fühlen von Menschen in historischen Epochen, etwa dem Mittelalter, überhaupt nachempfunden werden kann, ohne es bedenkenlos zu modernisieren, einem Manierismus – oder schlicht dem Kitsch – unterzuordnen oder die Geschichte für die Gegenwart zu instrumentalisieren (dies allerdings ist oder wäre in totalitären Systemen sogar notwendig, da offene, eindeutig gegenwartsbezogene Kritik dort nicht geduldet würde).

Gergely Péterfy hat für seinen Roman zehn Jahre lang recherchiert, mit diesem Buch also begonnen, bevor die autoritären und xenophoben Tendenzen Ungarns sichtbar wurden, und so kann er glaubhaft versichern, daß die Bezüge zur gegenwärtigen ungarischen Entwicklung eher zufällig sind. Aber sie sind augenfällig – oder man will sie so lesen. Die Gedanken- und Empfindungswelt jener Zeit (Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts) ist zugänglicher, immerhin gibt es – im Gegensatz zum Mittelalter – private Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe auch aus dem Bürgertum, zudem bilden Aufklärung und nachfolgende Romantik immer noch die Grundlagen unsres eigenen gedanklichen Settings.

Recherchiert, das heißt, sowohl die wichtigsten Figuren, Angelo Soliman, Ferenc Kazinczy, Sophia Török, hat es wirklich gegeben, ihre historischen Schicksale sind weitgehend verbürgt, als auch – und das ist erschreckend – das Ausstopfen des Afrikaners auf Geheiß des Kaisers. Wäre also 1848 die Sammlung nicht abgebrannt, müßte man sich in Österreich Gedanken machen, wie man mit solchen Menschenpräparaten umzugehen hätte. Thematisiert immerhin wurde das Schicksal des Angelo Soliman 2011 in einer Ausstellung des Wien-Museums.

Péterfy hat seinen Roman klug konstruiert : als einen inneren Monolog der Witwe Kazinczys, die vor dem ausgestopften Barbaren steht und sich erinnert, was ihr Mann ihr von den Begegnungen mit Soliman erzählte, aber auch, wie Ferencs Ambitionen durch die Feindschaft der eigenen Familie und der Feindseligkeit der ungarischen Bevölkerung zunichte gemacht wurden. Die Beobachtungen sind scharf und präzise, und dem entspricht die Sprache. Hier bleibt nirgends Platz für Sentimentalität oder Kitsch. Und so entsteht ein fast gnadenloses Bild der dunklen Seite der Epoche der Aufklärung mit ihrer doppelbödigen Verehrung des Edlen Wilden, die letztlich auch nur Rassismus ist, mit der Begrenzung der Aufklärung auf wenige, gutbürgerliche und intellektuelle Kreise und durch die Launen der Regenten …

Für mich ist dieser Roman ein hochintellektuelles und hochliterarisches Buch, fernab von den oft konsumierten Unterhaltungsromanen in historischer Kulisse. Seine Spannung rührt weniger aus der Handlung, denn aus dem Geflecht zwischen Gesellschaft und – fremden – Einzelnem, aus der Disharmonie von Ideal und Wirklichkeit und aus der Erkenntnis, was der Mensch seinem Mitmenschen alles anzutun vermag : alles.

Bibliographische Angaben :

Gergely Péterfy: Der ausgestopfte Barbar

Übersetzt von György Buda

Nischen Verlag

ISBN : 978-3-9503906-2-9

© Jost Renner

Gerhard Köpf : Das Dorf der 13 Dörfer

Ein beruflicher Auftrag führt einen Journalisten und ehemaligen Literaturdozenten zurück in seinen Heimatort, das im Titel genannte Dorf der 13 Dörfer, also den fiktiven Ort Thulsern im Allgäu, im dem schon einige andere Romane Köpfs angesiedelt waren. Hier soll er, der mit der Gegenwart hadert und am Gelingen der Aufklärung durch Presse und Rundfunk zweifelt, anhand des Mittagsläutens der örtlichen Kirche, dieses Dorf portraitieren.

Für ihn wird es eine Reise in die Vergangenheit, und er erinnert sich nicht nur wehmütig an Verlorenes, sondern auch an einige Dinge, die dem betulichen, bürgerlich-gemütlichem Blick widersprechen. So fällt ihm als erstes ein, wie er und alle anderen Kameraden im Kindergarten damit beschäftigt wurden, Hakenkreuze und andere Herrschaftssymbole der Nationalsozialisten in Büchern zu überkleben – eine Entnazifizierung ganz eigener Art. Er erinnert sich an das Begräbnis einer im Dorf ansässigen Adligen, deren Vater vom bayerischen Kronprinzen ein Steuerprivileg gewährt worden war, das die Regierenden der Weimarer Republik allzu gerne wieder entzogen hätten. Doch die verbündet sich mit den Nazis und wird von ihnen nach der Machtergreifung umschwärmt und in Ehren gehalten. Daß sie nach der Kapitulation Deutschlands mit den alliierten Siegern anbändelt, versteht sich von selbst.

Außenseiter haben es in Thulsern nicht leicht, sei es des Erzählers kleine Freundin, die das dunkelhäutige Kind eines amerikanischen Besatzungssoldaten ist, sei es ein Eigenbrötler, der sich am Rande des Dorfes mit der Bienenzucht beschäftigt und – außer von den Kindern – gemieden wird, oder ein Junge, der lieber Bücher liest und sich dem Leben seiner Klassenkameraden nicht angleichen mag. Er wird, gemobbt und gemieden, einen frühen Tod finden (und er war nicht der erste …). Flüchtlinge, die es in das Dorf treibt, werden dort niemals heimisch werden.

Seiner verstorbenen Frau, die ihn als Fotografie auf dieser Reise begleitet hat, erzählt er seine Erinnerungen – an Lehrer und Lehrerinnen, an die Geistlichen, die er als eher bigott empfand, an Schulkameraden und Freunde. Und selbstverständlich erinnert er sich an seine Familie : die Tante, die Ärztin des Dorfes, an seinen Vater, den Dorfbriefträger, den er auf einer Langlauf-Tour begleitet und in dessen Fußstapfen er, zumindest in einem Ferienjob, tritt.

Gerhard Köpf ist ein ruhiger und besonnener Erzähler. Ruhiger war er vielleicht nur in seinem von mir hochgeschätzten Roman „Die Strecke“. Er reiht geduldig, Erählung an Erzählung, Anekdote an Anekdote und entwirft so ein nur beinahe idyllisches Panorama einer Kindheit und Jugend in einem Dorf, und wir können annehmen, daß vieles davon Köpfs eigene Eindrücke und Erlebnisse waren. Er bemerkt Veränderungen durch die moderne Zeit und sieht doch immer wieder gleich Gebliebenes oder Erinnerung Evozierendes. Daß davon einiges nicht in allzu guter Tradition steht, ohne daß Protagonist und Schriftsteller an Herzenswärme verlören, macht dieses Buch ebenso angenehm wie gut.

Das Buch ist, wenn man denn genau hinschaut, auch ein leiser Abgesang auf den Protagonisten, auf den Autor selbst : die Welt hat sich verändert, Bücher, Radiosendungen mit kulturell aufklärenden Inhalten werden nicht mehr sehr lange gebraucht werden, so will es ihm scheinen. Ein Zurück in das Dorf seiner Kindheit aber wird es ebenfalls nicht geben können … von diesem wird, wenn des Protagonisten Erinnerung einst erlischt, nur noch die Postkarten-Idylle geben, die die tieferen Strömungen verdeckt.

Köpfs Bedachtsamkeit findet sich auch in der Sprache wieder, die Bilder zu schaffen vermag, Sätze mäandern läßt und mit etlichen Zitaten gespickt ist, sodaß auch auf dieser Ebene ein angenehmes Leseerlebnis bevorsteht …

Bibliographische Angaben :

Gerhard Köpf : Das Dorf der 13 Dörfer

Braumüller Verlag

ISBN : 978-3-99200-185-9

© Jost Renner

Annemarie Weber : Westend

Es ist April 1945, ein Monat etwa vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Im Charlottenburger Westend, das durch Bombenangriffe teilweise zerstört ist, lebt die siebenundzwanzigjährige Elsa Lewinsky. Bis vor kurzem noch hatte sie in einer Fabrik gearbeitet, doch die ist nun durch die Operationen der Roten Armee unerreichbar. Und auch der Einmarsch der russischen Truppen in ihren Heimatbezirk steht kurz bevor. Elsa ist weitgehend auf sich allein gestellt : der Verlobte wird an der Westfront vermisst, später gibt es Nachricht, er sei in französische Kriegsgefangenschaft geraten. Die Eltern des jungen Mannes sind ihr gegenüber sehr reserviert, immerhin ist sie ja noch nicht mit ihm verheiratet, ihre eigenen Eltern haben sich ins Branndenburgische geflüchtet.

Als bald darauf Charlottenburg zur Frontlinie wird, beginnen für Elsa und alle anderen, vor allem für die Frauen, sehr üble Zeiten. Elsas Wohnhaus brennt nieder, Menschen, die sich Plünderungen widersetzen, werden getötet, die Gerüchte, russische Soldaten würden deutsche Frauen wahllos ? oder auch systematisch vergewaltigen, bewahrheiten sich. Eine andere Frau rät ihr, keinen Widerstand zu leisten und sich möglichst einen „festen“ Täter zu suchen, um dem Tod oder auch Vergewaltigungen durch ganze Trupps zu entgehen. Elsa, die eine Opferhaltung und eigene Schuldgefühle vermeiden, aber auch überleben will, hält sich pragmatisch daran, was ihr ein schlimmeres Schicksal erspart, aber eben auch nur das, denn übel genug wird ihr dennoch mitgespielt.

Erst mit der Kapitulation der Deutschen wird es für alle sicherer : Die russische Besatzungsbehörde verbietet nun solche Exzesse, die sie bei den kämpfenden Truppen mindestens gebilligt, wenn nicht gar angeordnet hatte,(zumal Charlottenburg bald darauf den Briten zugeschlagen wird. Elsa wird Dolmetscherin und – inoffiziell – Sachbearbeiterin bei der militärischen Kulturverwaltung der Briten. Hier muß sie Anträge zur Bewilligung auf Zeitungsgründungen und Kulturveranstaltungen bearbeiten und ihren vorgesetzten Offizieren sagen, ob die Antragsteller nach ihrer Kenntnis Mitglied der NSDAP gewesen seien. Ihre Eltern sind mittlerweile wieder nach Berlin zurückgekehrt und versuchen, die alte, bürgerliche Ordnung zu reetablieren. Daß Elsa aber eine Affäre mit einem britischen Unteroffizier beginnt, sehen sie zwiegespalten – moralisch ist es nicht in Ordnung, die zusätzliche Versorgung mit Lebensmitteln und Luxusgütern allerdings ist willkommen. Für Elsa – und auch den Soldaten – ist es Liebe, wenngleich eine recht aussichtslose.

In all diesen Tagen schreibt sie Briefe an ihren verschollenen, dann in Kriegsgefangenschaft sitzenden Verlobten, erklärt darin ihre unverbrüchliche Liebe und protokolliert doch auch die Änderungen, die sich in ihr entwickelt haben, ohne jedoch auf Einzelheiten wie die Vergewaltigungen oder die Liebesbeziehung explizit einzugehen. Man ahnt bald, daß eine Ehe nach tradiertem bürgerlichen Muster nur schwer durchlebt werden kann. Von einer recht selbständigen Frau ist Elsa auch zu einer sehr selbstbewußten geworden. Als der Verlobte gleich bei seiner Rückkehr versucht, das Zepter in die Hand zu nehmen, wissen wir : er wird diese Briefe niemals zu lesen bekommen …

Bereits 1996 war dieses Buch der Journalistin und Schriftstellerin erschienen und fand schnell literarische – und inhaltliche Anerkennung, während das sieben Jahre zuvor erschienene Buch „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ noch mehrheitlich abgelehnt worden war, da es „die Ehre der deutschen Frau“ beschmutze. Und doch zeigen beide Bücher im wesentlichen dasselbe : die systematische Gewalt gegen Frauen und die – notwendigen – Strategien im Umgang damit, um schlicht zu überleben. So pragmatisch und kaltschnäuzig die Betroffenen damit auch umgehen, bleiben diese Gewaltakte für die Frauen (und für die Leser) ekelhaft, entwürdigend und tief prägend.

In Bezug auf Annemarie Webers Sprache sträubten sich mir anfangs die Nackenhaare : da war eine Autorin zu oft auf der Suche nach einem hochsprachlichen, literarischen Wort, sodaß es gestelzt und allzu hölzern klang – und eben nicht dem Wesen der Protagonistin entspricht, die zwar gutbürgerlichem Hause entstammte, aber dennoch eher alltagsverbunden und lakonisch wirkt. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Eindruck dann doch verflüchtigt, denn das Geschehen und die Schilderung der Lebenswelt waren stark genug, den Leser gefangenzunehmen.

Weber hat sich so auch nicht allein auf die Geschichte der Elsa Lewinsky konzentriert, sondern wirft einen recht genauen Blick auf das Verhalten anderer Personen, sei es auf die Mitläufer des Nazi-Regimes, auf die in alle Richtungen Angepaßten, aber auch auf die kleinen Versuche der Solidarität untereinander – und deren Zerbrechlichkeit. Sehr deutlich wird auch der Gegensatz von „irgendwie weitermachen“ und dem bürgerlichen „weiter so“, der zeigt, daß eher wenige aus der hereingebrochenen Katastrophe zu lernen bereit waren.

Alles in allem ist dies ein wichtiges, wenn auch nicht literarisch hochwertiges Buch, das die Endphase des Zweiten Weltkrieges eindrücklich beleuchtet und anhand der Elsa Lewinsky greifbar und nachvollziehbar macht. Gerade die Gegenüberstellung ihrer Erfahrungen mit den Briefen offenbart ein Spannungsverhältnis, das literarisch trägt und den Roman, über dessen autobiographischen Bezüge zu spekulieren müßig ist, dem Leser zum Nutzen vertieft.

In „Roter Winter“ wird die Geschichte Elsa Lewinskys weitergeführt. Diesen Roman werde ich in absehbarer Zeit dann ebenfalls lesen und hier vorstellen.

Bibliographische Angaben :

Annemarie Weber : Westend

AvivA Verlag

ISBN 978-3-932338-52-6

© Jost Renner

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Gerade einmal 160 Seiten lang ist dieser Roman von Angelika Reitzer, in dem sie die ersten Schritte einer jungen Frau in das Erwachsenenleben beschreibt. Eines Tages, beinahe scheint es eine Affekthandlung, hält Maria ein Auto an, verläßt Familie und die kleine österreichische Provinzstadt und landet in Wien. Hier kommt sie bei einem Bekannten unter und teilt sich mit ihm zwei Jahre lang eine Wohnung. Sie kommt in Berührung mit der Hausbesetzer-Szene, lernt deren Entspanntheit, Offenheit und internationalen Flair zu schätzen. Über Wasser hält sie sich, indem sie für Absolventinnen einer Modeschule schneidert. Später, vermutlich in Berlin, dies bleibt wie vieles andere recht vage, wird sie in der Kostümbildner-Abteilung eines Theaters arbeiten, sich die Rollen vorstellen, deren Kostüme sie näht, um so die Ergebnisse ihrer Arbeit zu verbessern. Auch der Wechsel zum telefonischen Kartenverkauf verschafft ihr erfüllende Momente, erst recht dann, wenn sich unvorhergesehene Probleme mit der Kreditkartenzahlung ihrer Kunden schnell beheben lassen.

Auch privat testet sie sich aus. Hatte sie einst die Avancen eines älteren Autofahrers selbstbwußt abgewiesen, so verliebt sie sich nun in einen älteren Regisseur, der auch eine Art kultureller Mentor zu sein scheint. Allerdings ist der verheiratet und hat ein Kind. Maria ist dennoch zufrieden, mag nicht auf die Trennung ihres Liebhabers von seiner suizidgefährdeten Frau drängen, sondern sieht auch die Sehnsucht, wenn er abwesend ist, als wesentlichen Bestandteil ihrer Beziehung.

Dennoch erkaltet auch diese Liebe, und Maria trennt sich von ihm. Ein Galerist, dann ein Schauspieler sind kurzfristiger Ersatz. Komplikationen gibt es in keinem Fall. Die Gegenwart ist für Maria taghell, vielleicht auch die Zukunft. Dunkle Töne mischen sich allerdings in ihre Geschichte, wenn sie unversehens die Erinnerung überfällt : an ihre Familie, den Tod der Großmutter, der unpassenderweise an einem Ostermontag, Marias Geburtstag, alle Planungen über den Haufen wirft und bei den Eltern allenfalls die Frage aufwirft, wo sich der Sohn gerade aufhält, aufzuwerfen imstande ist.

Der Bruder wiederum ist ein Problemfall, ein Alkoholiker, der mehr recht als schlecht mit einer Leidensgenossin zusammenlebt und dessen Ehe massiv gefährdet ist. Maria hört sich zwar die Klagen ihrer Schwägerin an, verweist sie aber an ihre Eltern, denn ihr ist recht bewußt, daß ihr die Möglichkeiten fehlen, zu helfen. Eine andere Erinnerung – oder ist es ein Tagtraum ? – ist weit finsterer : Als sie in einem Schwimmbad war, ertrank ein Junge, den sie als ihren jüngeren Bruder beschrieb … Hier wird, ziemlich vage und nicht wirklich eindeutig, eine Katastrophe für die Famile angedeutet, die auch Maria fort – und ins Selbständigwerden getrieben haben mag …

Ich bin versucht, zu behaupten, der Roman ist auch nicht mehr das, was er niemals war. Denn spätestens seit dem 20. Jahrhundert, betrachtet man es genauer, eigentlich seit Laurence Sternes „Tristram Shandy“ ist der Roman nicht nur episches Erzählen, sondern immer wieder auch literarisches Experimentierfeld. Und Angelika Reitzer mag sich nicht von den traditionellen Formen des Erzählens binden lassen, sondern testet, spielt und versucht, die Grenzen des Erzählbaren auszuloten, ohne die Geschichte – oder deren Protagonistin – aus dem Blick zu verlieren.

Es mischen sich Orts- und Situationsbeschreibungen, die obwohl nüchtern und schnörkellos geschrieben, eine feine Ästhetik – mehr differenzierte Zeichnung als Ölgemälde – aufweisen, mit Handlung, Träumen und Erinnerungen, sodaß vor dem Leser nicht nur ein Bild, sondern eine Art flirrenden Kaleidoskop zu liegen scheint, das, wiewohl vage, doch dieses Buch, dieses Kunstwerk zu tragen vermag. Dieser Roman ist so eigenwillig wie fordernd, aber es vermag gerade dadurch, den Leser zu bannen und ihm einen befriedigenden Genuß zu schaffen.

Bibliographische Angaben :

Angelika Reitzer : Taghelle Gegend

Haymon Verlag

ISBN : 978-3852188119

© Jost Renner

Karl Ove Knausgård : Spielen

Mit dem dritten Band seiner sechsbändigen Reihe autobiographischer Romane, „Spielen“, begibt sich Karl Ove Knausgård an den Beginn seines Lebens und schildert seine Kindheit auf der südostnorwegischen Insel Tromøy. Als er gerade acht Monate alt ist, ziehen seine Eltern mit ihm und dem älteren Bruder Yngwe dorthin und beziehen ein Haus in einer noch unfertigen Neubau-Siedlung. Es ist für das Land wie für die Familie der Anbruch einer neuen Zeit. Während sich Norwegen nach der Aufarbeitung der deutschen Besetzung neu organisiert, so versuchen die Eltern ein eigenes, selbständiges Leben zu begründen. Beide Elternteile arbeiten, die Mutter in der Pflege, der Vater als Lehrer. Man ist nicht arm, aber Geld im Überfluß ist auch nicht vorhanden.

Für die Kinder sind viele, vor allem räumliche Freiheiten vorhanden, immerhin ist die Insel nicht allzu dicht besiedelt und der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Karl Ove kann also mit Nachbarskindern und später Schulkameraden recht unbekümmert durch die Gegend streifen und sich den kindlichen Vergnügungen, die auch eine Menge Unsinn beinhalten, unbelastet hingeben. Allerdings ist es dennoch kein Kindheitsparadies, denn der Vater setzt Grenzen ganz eigener Art, autoritär, unberechenbar, jähzornig und teils gewalttätig. Fragte ich mich im ersten Band „Sterben“ noch, woher denn der unbändige Hass auf den Vater komme, so klärt diese Kindheitsgeschichte sehr viel und macht Knausgårds Ressentiments nachvollziehbar.

Die väterlichen Übergriffe, und es sind unzählige, machen aber den Vater dem Erzähler auch nach fast vier Jahrzehnten als Person greifbar, während er sich an die Mutter, ein Gegenbild des Vaters, sozial, fürsorglich, familiär und kommunikativ, als Mensch nur unter Schwierigkeiten erinnern kann. Doch sie vermag ihm Sicherheit und Geborgenheit zu geben, redet mit ihm, während die Kommunikationsversuche des Vaters allenfalls halbherzig ausfallen und bald wieder eingestellt werden. Die wenigen Momente aber lassen erahnen, wie die Geschichte hätte besser und für den Jungen angenehmer verlaufen können.

Es kann nicht ausbleiben, daß diese dominante, übermächtige Vaterfigur den Jungen auf verschiedenste Weise prägt und in seinem Verhalten – eher negativ – beeinflußt. So ist er auf der einen Seite gut in der Schule, was ihn in den Augen seiner Mitschüler suspekt macht, gibt sich gern altklug und moralisierend und steht allzu gern im Mittelpunkt, ohne damit umgehen zu können, daß ihm das des öfteren verwehrt wird oder er gar abgewiesen wird. Als er etwa feststellen muß, daß Anne Lisbet, in die er sich ein wenig verkuckt hatte, einen anderen ihm vorzieht, bricht für ihn fast die Welt zusammen, natürlich auch, weil er niemals eine Erklärung für ihren Sinneswandel erhält. Auf der anderen Seite ist Karl Ove ein ängstliches Kind, fürchtet sich vor Hunden, Geistern, Toten und neuen, ungewohnten Situationen. Und er ist sehr nah am Wasser gebaut, d.h., er beginnt bei Kleinigkeiten schon zu weinen. Das alles macht es ihm im Kameraden-Kreis immer unbeliebter, sodaß er sich alsbald im Abseits befindet, eine Isolation, die die familiäre Situation noch unerträglicher macht.

Auffallend das frühe und intensive Interesse an Mädchen, das ihn, der doch eigentlich im Umgang mit ihnen eher hilflos erscheint, dazu bringt, sich den Themen und Kommunikationsmechanismen des Weiblichen anzunähern. Das verhilft ihm zwar zunächst zur Annäherung, aber bald gilt er als eklig, feminin und wird sogar böswillig als schwul verleumdet. Auch die frühpubertären „Beziehungen“ sind allenfalls eine Sache von Tagen, wie es in dieser Zeit wohl auch normal ist, aber er trägt dazu bei, weil er entweder zu langweilig und hilflos wirkt oder im anderen Extrem zu forsch vorgeht. Der Wechsel an die Oberschule soll ihn erlösen, aber es dauert nicht lange, und er ist wieder Außenseiter …

„Spielen“ ist nun der dritte Band von Knausgårds Romanprojekt und das vierte Buch überhaupt, das ich gelesen habe. Und ich bereue es nicht. Kurz vor und mit dem Erscheinen formierten sich im Feuilleton die Befürworter und die Gegner. „Meisterwerk“, riefen die einen, „Hype“, bis heute die anderen, und beides wäre durchaus dazu angetan gewesen, die Lektüre gleich ganz zu verweigern, was wohl etliche potenzielle Leser auch taten. Schon bei Band 1 „Sterben“ und auch bei Band 2 „Lieben“ empfand ich, das beide Seiten gleichermaßen Unrecht haben könnten. Als Meisterwerke konnte ich nämlich beide nicht sehen, dazu blieben mir im ersten Band zum einen zu viele Fragen offen, zum anderen irritierte mich die deutliche Zweiteilung, die ich als eher unvorteilhaft empfand. Und dennoch war auch schon erkennbar, daß hier niemand seine Erinnerungen in narzisstischem Wahn heruntergeschrieben hatte, ohne auf Aufbau, Stil oder Sprache zu achten. Im Gegenteil : es waren deutliche Gestaltungsbemühungen bis hinein in kleinste sprachliche, literarische Formulierungen, in Rhythmus von Sätzen und Absätzen erkennbar.

Der zweite Band „Lieben“ funktionierte wieder ganz anders, ebenfalls zweigeteilt, doch auf andere Art : hier wurde die Erinnerung mit der aktuellen Schreibsituation kombiniert, für mich spannender als die Vorgehensweise des ersten Bandes, denn es blieben freie Räume zur essayistischen Vertiefung und Variation. In diesem Band kamen auch Knausgårds Frau und die gemeinsamen Kinder ins Spiel, die Schwierigkeiten, zu schreiben, obwohl man durch familiäre Pflichten und Konstellationen so weit eingebunden war, um Freiräume allenfalls nur noch mühsam – und vielleicht auf Kosten der anderen – erhalten zu können. Aus der Leserschaft und wohl auch aus der Nichtleserschaft (aufgrund von Inhaltsangaben und Rezensionen) kamen denn auch erwartungsgemäß und reflexartig „narzisstisch“ oder „verantwortungslos“ als wertende Reaktionen, ohne daß bedacht wurde, daß einerseits jeder Selbständige heutzutage vor ähnlichen Problemen steht und andererseits des Schreibers Projekt auch darin bestehen könnte, sich in möglichst schlechtem Lichte darzustellen, natürlich unter dem Label „ehrliche Selbsterkundung“.

Nun also Band 3. Von allen dreien scheint er mir der gelungenste, denn er ist stringent, verzichtet auf eine deutliche Zweiteilung und macht dennoch immer wieder deutlich, daß die Erzählperspektive nicht die eines Sechs- bis Dreizehnjährigen ist, sondern die eines Manns von gut vierzig Jahren, der versucht, seiner Erinnerungen habhaft zu werden und sie in eine literarische Form zu gießen. So geben einzelne Sätze, ein kurzer Einschub über das Wesen und das Trügerische der Erinnerung und ein melancholischer Abschluß, der deutlich macht, daß das Erinnerte wahrscheinlich nur allein für diesen einen Erinnernden wirklich wichtig und damit dauerhaft ist, einen Einblick in den Schaffensprozeß.

Der Autor reiht Situationen aneinander, alle gleich minutiös beschrieben, aber sehr wohl unterschiedlich ausgedehnt. So entsteht auch in der Abfolge ein Rhythmus, manches, das quälen soll oder auch ihn quälte, dehnt sich scheinbar endlos, anderes wirkt kompakter, so als solle der Schlag unvermutet und umso härter erfolgen. Gleiches gilt auch für die selteneren glücklichen Momente. Die Akribie erschien mir niemals langweilend, denn sie beschränkt sich immer nur auf überschaubare Szenen, läßt aber dadurch das Buch insgesamt genauer, umfassender erscheinen, als es ist. Denn wollte man ernsthaft jeden einzelnen Augenblick der Kindheit so erfassen, hätte allein dieser Roman wohl zehn und mehr Bände.

Karl Ove mag als Kind ebenso wenig sympathisch wirken wie Knausgård als erwachsene Figur, doch jedem, der nur ansatzweise ähnliche familiäre Konstellationen hat erleben müssen, vermag, mit diesem Kind zu bangen, mitzufühlen und seine Situation und die vermutlich lebenslange Falle, in die er hineinzugeraten droht, zu erahnen. Ohne seine Figur und deren Erlebniswelt explizit psychoanalytisch zu erkunden und aufzuklären, vermag er doch, durch Akribie wie Plastizität das Leben des Jungen eindrücklich und nachvollziehbar so darzustellen, daß Leben und Leiden im Leser manifest werden, und damit einen Schlüssel zur Persönlichkeit der Romanfigur und des Autors in der Hand zu haben glauben. Aber natürlich ist auch hier Vorsicht geboten, denn er äußerte in einem Interview mit der „Zeit“: „Ich habe nur über einen kleinen Teil von mir geschrieben. Damit habe ich entschieden: Das bin ich!“ Manche der vehementen Abwehrreaktionen, die ich wahrnahm, haben wohl genau damit zu tun : daß man nicht realisierte, daß Knausgård einen bewußt gewählten und gestalteten, bzw. stilisierten Ausschnitt seiner Gesamtpersönlichkeit in den Mittelpunkt stellte.

Für die Zukunft möge man sich hüten, hier einen Gegensatz von Hype und Meisterwerk aufzubauen, denn die Bücher sind wohl beides nicht. Sie sind lesbare, statthafte Wege, sich seiner Autobiographie anzunähern, sie literarisch zu erarbeiten, sind erhellend wie intensiv. Sie sind – mit Sicherheit – auch Symptome der Zeit, die seit langem das Individuum, das Selbst und die Selbstverwirklichung herausgestellt hat. Offen bleibt, ob sie vor der Literaturgeschichte Bestand haben werden. Für die Gegenwart haben sie es ohne Zweifel.

Bibliographische Angaben :

Karl Ove Knausgård : Spielen

Übersetzt von Paul Berf

Luchterhand Literaturverlag

ISBN : 978-3442749324

© Jost Renner