Jon Krakauer : In die Wildnis

1990 beendet Christopher Johnson McCandless sein Collegestudium in Atlanta. Bevor er weiterstudiert, will er er einen seiner großen Träume verwirklichen und quer durch die Vereinigten Staaten reisen. Das endgültige Ziel jedoch ist es, eine Zeit in der Wildnis Alaskas zu verbringen. Inspiriert wurde McCandless dazu durch die Lektüre so unterschiedlicher Autoren wie Thoreau, Jack London und Lew Tolstoi, die einerseits ein rigides Wertesystem vertraten, andererseits die Einheit mit der Natur – zum Teil romantisch verklärend – propagierten und dort die Besinnung auf die eigene Persönlichkeit möglich scheinen ließen. McCandless, Sohn eines Radartechnikers und dessen zweiter Ehefrau, hatte schon früh Schwierigkeiten, sich in die Gesellschaft einzupassen, zu sehr widersprachen Armut, Rassentrennung seinen Idealen. Als er in den Semesterferien erfahren mußte, daß sein Vater zeitweise ein Doppelleben führte und mit alter wie neuer Ehefrau gleichzeitig liiert war, verschlechterte sich das Verhältnis zu seinem Vater grundlegend. Und so läßt er den Kontakt mit dem Beginn seiner Reise konsequent, wie er in vielem ist, abbrechen.

Über anderthalb Jahre reist er quer durch die amerikanischen Bundesstaaten, nimmt Jobs auf Farmen oder in Fastfood-Restaurants an. Meist bewegt er sich als Anhalter durch das Land, denn den Rest seines Studiengeldes, etwa 24.000 Dollar, hat er vor dem Aufbruch verbrannt. Er trifft auf unterschiedliche Leute, Tramper, Landwirte oder einen achtzigjährigen Mann, ist dabei gesellig und verschlossen zugleich. Meist nennt er sich Alex, und er erzählt nie wirklich Persönliches von sich. Dennoch lernen ihn die meisten seiner Begleiter und Bekannten zu schätzen. Gebildet, freundlich entspricht er überhaupt nicht dem Vorurteil, das die meisten von Trampern haben. Doch ihn hält es nie wirklich lange an einem Ort.

Im April 1992 macht er sich dann auf den Weg nach Alaska. Ausgerüstet mit einem Gewehr etlichen Kilogramm Reis, einem Schlafsack und einigen Büchern zieht er in die Wildnis. Er folgt dem Stampede Trail, überquert einen Fluß, der sich allerdings bald aufgrund der Schneeschmelze in ein reißendes Gewässer verwandeln und ihm den Rückweg versperren wird. Ein ausrangierter und in der Wildnis entsorgter Linienbus dient ihm für die kommenden Monate als Unterkunft und Basislager. Er weiß nicht, daß er so abgeschieden, wie er sich das vorstellte, gar nicht ist. In nicht allzu großer Entfernung befinden sich mehrere unbewohnte Blockhütten, noch etwas weiter entfernt trifft man auf eine Straße. Doch Christopher hat einen grundlegenden Ausrüstungsgegenstand nicht dabei : eine Landkarte des Gebietes. Es scheint, er hätte – da es keine unkarthographierten Gebiete mehr gibt – einfach auf eine Karte verzichtet. Genau das aber wird ihm zum Verhängnis.

Er kann regelmäßig Tiere erjagen, aber verliert dennoch immer mehr an Gewicht, da die Anstrengungen der Pirsch mehr Kalorien kosten als durch die Nahrung wieder zugeführt werden können. Als er meint, das Ziel seiner Reise erreicht zu haben, will er den Rückweg antreten, doch der Weg über den Fluß ist nun versperrt. So richtet er sich wieder im Bus ein, jagt und ergänzt die Nahrung mit Pflanzen und Samen. Zu seinem Gewichtsverlust kommt nun anscheinend auch eine Vergiftung durch Samen einer Kartoffelart, von deren Toxizität er nichts hatte wissen können, da sie nirgendwo in botanischen Schriften erwähnt wurde. Ungefähr Mitte August 1992 stirbt Christopher Johnson McCandless und wird erst Wochen später von Elchjägern aufgefunden. Offiziell ist seine Todesursache ungeklärt, Verhungern oder aber die von Krakauer aufgestellte These einer Vergiftung scheinen realistisch.

Bereits 1993 hatte sich Jon Krakauer, Journalist und selbst Bergsteiger, in einem fünfseitigen Artikel für eine Zeitschrift mit dem Tod von Chris McCandless befaßt. Drei Jahre später, sei es, um an seinen Bestseller „In eisige Höhen“ anzuknüpfen, sei es, weil er die Affinität des Falles zu seinen Themen empfand, veröffentlichte Krakauer dieses etwa zweihundertseitige Buch. Ein weiteres Motiv dürfte gewesen sein, daß er sich diesem jungen, ungestümen, aber dennoch zielgerichteten Reisenden verbunden fühlte, während ansonsten die Reaktionen eher ablehnend waren. McCandless wurde als naiv, töricht gesehen, sein Ausflug in die Wildnis als Selbstmordversuch, Hybris oder reiner Wahnsinn. Folgerichtig ist Krakauers reportageartiges Buch in weiten Teilen auch eine Verteidigungsschrift, ein Plädoyer dafür, sich mit den Motiven und der Ernsthaftigkeit des Protagonisten auseinanderzusetzen.

Wenngleich „In die Wildnis“ zum Bestseller avancierte, Leser meist willig Krakauers Argumentation folgten, scheint mir das Buch – auf hohem Niveau – gescheitert. Das liegt nicht unbedingt an einer mangelnden Fähigkeit, eine solche Unternehmung ansprechend, teils mitreißend zu beschreiben, sondern ist in der Geschichte selbst begründet. Krakauer ist in vielen Bereichen, bei der Persönlichkeit, bei den tatsächlichen Abläufen oftmals auf reine Spekulation angewiesen. Der Autor hat die ihm mögliche Arbeit geleistet : er hat Interviews mit allen Personen geführt, die Christopher McCandless auf seinem Trip getroffen haben, er hat die Örtlichkeiten besichtigt, die Tagebücher und Postkarten gelesen und im Buch wiedergegeben, die Chris an seine verschiedenen Reisebekanntschaften geschickt hat. Doch Chris war – gerade was Persönliches anging – äußerst zurückhaltend, nachgerade verschwiegen.

Und so schildert die erste Hälfte des Buches McCandless’s rastlose Reisen, ohne daß man allzu viel Authentisches und wirklich Lebendiges erfährt. Christopher Johnson McCandless wird schlicht nicht greifbar. Allein die herausgearbeiteten Bezüge zur Literatur lassen einen Einblick in sein Denken zu. Thoreaus „Walden“, Jack Londons Alaska-Romane weisen einen Weg zum Verständnis des Jungen. Auch Krakauer scheint den Mangel zu erkennen und verweist auf andere Reisende in die Wildnis, schildert deren Abenteuer und Scheitern. Dennoch wirkt das Buch bis zur Hälfte mehr unruhig und zerfasert als interessant. Erst danach – in den Gesprächen mit den Eltern und der Schwester erhält Chris McCandless mehr als eine Silhouette, wird zu einer begreifbaren und nachvollziehbaren Person. Doch schon zwei Kapitel später greift Krakauer auf seine eigenen Jugenderlebnisse in Alaska zurück, schildert die Mühen einer Bergbesteigung und versucht anhand seiner eigenen Einstellung McCandless plausibel und faßbar zu machen. Dies wirkt aber gerade an dieser Stelle mehr wie ein Fremdkörper, unterbricht das eigentlich gerade erst erwachte Interesse erneut, auch wenn man die Intention des Autors durchaus zu begreifen vermag.

Auch der weitere – rekonstruierte – Reiseverlauf, recht konkret geschildert, bleibt in weiten Teilen Spekulation, denn bis auf längere Abschriften aus seinen Lieblingsbüchern bleibt auch das Tagebuch von Chris McCandless eher lakonisch. Manchmal schreibt er tage – oder wochenlang gar nicht, dann listet er nur seine Jagdausbeute auf. Möglicherweise hätten sich Krakauer zwei Wege geboten, dennoch ein interessantes und belastbares Buch über Chris McCandless zu schreiben : entweder in einer Art literaturwissenschaftlicher und ideengeschichtlicher Aufarbeitung oder mittels der Fiktionalisierung, die ihm erhebliche Gestaltungsräume im Zusammenhang mit der Persönlichkeit seines Protagonisten gelassen hätte. So mag es in diesem seltenen Fall sein, daß die Verfilmung durch Sean Penn interessanter ist als deren Vorlage. Ich will nicht behaupten, daß das Buch reine Zeitverschwendung wäre, denn das Thema ist und bleibt interessant, der Reportagestil ist gut lesbar und das Nachdenken über einige durch McCandless in die Gegenwart transportierten philosophischen Überlegungen nicht verkehrt, doch war ich letztlich von diesem Buch eher enttäuscht.

Bibliographische Angaben :

Jon Krakauer : In die Wildnis

Übersetzt von Stephan Steeger und Ulrike Frey

Piper Taschenbuch

ISBN : 978-3492250672

© Jost Renner

Christoph Hein : Frau Paula Trousseau

Gerade einmal achtundvierzig Jahre ist die Malerin Paula Trousseau, als sie im Jahr 2000 nach ihrem Selbstmord tot in Frankreich aufgefunden wird. Ihr Vermächtnis : etliche Bilder und Zeichnungen, die sich nach dem Mauerfall kaum noch verkaufen ließen, und ihre umfangreichen Erinnerungen, die sie ihrer Tochter Cordula zugedacht hatte – als Erklärung und Rechtfertigung. Doch Cordula öffnet das Paket nicht einmal. Paula Trousseau hatte eine bedrückende Kindheit durchleben müssen : mit einem tyrannischen Vater, einer trinkenden Mutter und wenig Unterstützung durch die älteren Geschwister. Kurz nach dem Beginn ihrer Ausbildung zur Krankenschwester und ihrer Verlobung mit Hans, einem älteren Architekten, beschließt sie, in Berlin Kunst zu studieren. Die Aufnahmeprüfung findet just am Tag der geplanten Hochzeit statt, und es kostet sie Mühe, sich gegen ihre Eltern und ihren Bräutigam durchzusetzen.

Hans ist alles andere als begeistert über Paulas künstlerische Ambitionen und versucht mit allen Tricks, das Studium zu unterbinden. So tauscht er ihre Anti-Baby-Pillen gegen Plazebos aus, schwängert Paula, um sie an Heim und Haus zu ketten. Doch Paula studiert auch hochschwanger und später mit Baby weiter. Als es zur Scheidung kommt, erhält Hans das Sorgerecht für das gemeinsame Kind, nachdem Paula im Gerichtssaal die Umstände ihrer Empfängnis in einem emotionalen Ausbruch anklagend schildert. Für sie bleibt das Studium das unumstößliche Ziel. Sie beginnt eine Beziehung mit einem ihrer Professoren, doch kann ihn nicht wirklich lieben. Erfüllender sind auf Dauer die Beziehungen zu Kathi, einer alten Freundin, und zu Sibylle, der Frau eines gemeinsamen Bekannten von ihr und ihrem Lebensgefährten. Doch auch hier kann sie sich nicht wirklich öffnen. In der Kunsthochschule wird sie weitgehend gemieden, da sie aufgrund ihres Zusammenlebens mit ihrem Lehrer als Karrieristin und Flittchen gesehen wird.

In dieser Zeit entsteht das „Weiße Bild“, eine fast abstrakte Schneelandschaft, das das Mißfallen ihres Freundes erregt und politisch mehr als heikel wäre. Denn die offizielle Politik der DDR sieht abstrakte Kunst als einen dekadenten Einfluß des Westens an. Als ihr Lebensgefährte selbst in Ungnade fällt, nachdem ein anderer Kunstprofessor eine Ausstellung in der Bundesrepublik zur Republikflucht genutzt hat, verläßt sie ihn. Sie besteht ihre Prüfung, muß jedoch schlechte Noten in den politisch-philosophischen Fächern verbuchen. Nur schwer faßt sie als Malerin und Graphikerin Fuß, erst als sie mit dem bekannten Schauspieler Jan zusammen lebt, geht es voran. Dessen Bekannte, Kollegen und Freunde kaufen ihr Bilder und Zeichnungen ab. Für einen größeren Verlag darf sie ein Märchenbuch illustrieren. Jan wird der Vater ihres Sohnes Michael, doch verläßt sie ihn, ohne ihm von der Schwangerschaft zu erzählen.

Nach einer Zeit, in der sie sich auf ihr Kind und ihre künstlerische Arbeit konzentriert, zieht sie mit dem Restaurator Heinrich zusammen. Er scheint der ideale Ersatzvater für ihren Sohn und – als ruhiger, kaum Ansprüche stellender Mann – ein ebenso idealer Lebensgefährte zu sein. Er baut mit Hingabe ein Haus auf dem Land für die kleine Familie um, doch Paula hält es auch mit Heinrich nicht aus. Dann kommt die Wende : Paula verliert die meisten Aufträge, scheitert daran, das Verhältnis zu ihrer Tochter neu aufzubauen und muß feststellen, daß ihr Sohn immer mehr eigene Wege verfolgt….

Recht deutlich gemahnt der Titel „Frau Paula Trousseau“ an ein anderes Werk der deutschen Literatur : an „Frau Jenny Treibel“ von Theodor Fontane. Zwar verfolgen beide verschiedene Lebenswege, doch scheinen sie charakterlich ähnlich und gleichen sich in manchem. Während Jenny Treibel ihren Hang zur Poesie zugunsten materiellen Wohlstands und einer gehobenen gesellschaftlichen Stellung aufgab, der Literatur und dem einfachen Leben allenfalls reichlich sentimental hinterhertrauert, doch recht engagiert die Beziehung ihres jüngsten Sohnes mit einem Mädchen aus einfacheren Verhältnissen hintertreibt und unterbindet, verfolgt Paula, in einer nicht unbedingt geringeren Sentimentalität, ihr Ziel, Kunstmalerin zu werden.

Unterstützung findet sie weder im Elternhaus, noch bei ihrem Ehemann, der sie mit dem Austausch ihrer Kontrazeptiva schmählich verrät. In ihrer Enttäuschung und Wut nimmt sie es in Kauf, daß sie das Sorgerecht für ihre Tochter verliert, fühlt sich sogar einer Falle entkommen. Ihre folgenden Beziehungen sieht sie leidenschaftslos und rational, Liebe ist dabei niemals im Spiel, allenfalls ihre Beziehungen zu Frauen gründen auf Emotionen, sind aber von wirklicher Hingabe und Vertrauen fast ebensoweit entfernt. Dennoch scheint ihr ihr Zweckdenken, ihre Ausnutzung der Lebensgefährten allenfalls halb bewußt zu sein, wiederum etwas, was sie mit Jenny Treibel eint.

Weite Teile des Romans werden von der Ich-Erzählerin, Paula Trousseau, erzählt, ergänzt von einigen eingeschobenen Kapiteln, in denen ein neutraler Erzähler ihre Kindheit schildert, die von Schikanen und Wutausbrüchen ihres autoritären Vaters und der alkoholisierten Gleichgültigkeit der Mutter geprägt war. Nur einmal, als der Vater schwer erkrankt und sein Ableben zu erwarten steht, gelingt es der Mutter das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, klare Strukturen zu schaffen, um dann – als sich die Krankheit des Vaters als ungefährlicher als gedacht herausstellt – wieder im Alkohol zu versinken. Als sie sich in einen Gleichaltrigen wahrhaft verliebt, wirft der ihr vor, sie sei kaltherzig und berechnend – was sich allerdings erst in ihren nachfolgenden Beziehungen bewahrheiten wird. Ihr Ausweg wird die Malerei, teilweise recht düster und immer ohne menschliche Figuren.

Paula, die ihre Geschichte niederschreibt, ist Malerin, keine Schriftstellerin, auch wenn sie in späten Jahren mit Prosaskizzen, die ebenso menschenleer wie ihre Bilder sind, zu reüssieren versucht. Entsprechend ist ihr Erzählstil – und mit ihm der des Autors Christoph Hein – eher ausgreifend und an der Grenze der Redundanz. Es ist eine tastende, sich vergewissernde Selbstbeobachtung, ein Erklärungsversuch und eine Rechtfertigung gegenüber der im Stich gelassenen Tochter, die – naturgemäß – auf eine deutliche Analyse und Wertung des Autors verzichtet. Dem Leser selbst bleibt die Analyse und Wertung vorbehalten, während er sich im Spannungsfeld psychischer Mechanismen und des Widerspiels von Ursache und Wirkung bewegt. Dies ist eine klug gewählte Strategie, denn es garantiert die innere und emotionale Beteiligung des Lesers ebenso wie die differenzierte Darstellung und Wahrnehmung dieser doch recht komplexen Lebensgeschichte.

Deren Komplexität gewinnt eine weitere Dimension dadurch, daß es ein Leben in der nun vergangenen DDR ist, einen Zeitraum vom Ende der sechziger Jahre bis zu Nach – Wende – Zeiten umspannt. Es ist ein Frauenschicksal in einem Land, das offiziell die Gleichberechtigung von Frauen und Männern als erreicht ansah, und doch wird deutlich, daß auch hier patriarchalische Mechanismen wirkten, daß Emanzipation und Gleichberechtigung ihren nicht zu geringen Preis forderten. Die realsozialistische Wirklichkeit bleibt weitgehend dezent im Hintergrund, wird aber in einzelnen Aspekten, etwa bei der Kunstauffassung und in der Frage der Ahndung von Republikflucht dann wieder bedrohlich greifbar. Zur Kulisse oder gar reinen Stffage verkommt sie nie. Paula selbst will „nur malen“, sieht sich selbst also als unpolitisch. Und so arrangiert sie sich mit dem System, versteckt ihr „Weißes Bild“ und arbeitet im geduldeten Rahmen weiter, ohne dies als ein politisches Verhalten zu begreifen, noch weniger als endgültige Beschneidung ihrer künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Dies wird ihr erst sehr spät – zu spät – bewußt.

Christoph Hein gestaltete diesen Roman ohne jegliche Larmoyanz seiner Protagonistin, allerdings ließ er auch die fortschreitende Verhärtung der Figur nicht oder kaum in den Erzählstil oder die Sprache seiner Figur einfließen. So war das Buch für mich eine interessante, befriedigende und auf der sprachlichen Ebene sehr angenehme Lektüre, zumal ich eine etwas ausgreifendere Erzählweise immer zu schätzen weiß.

Bibliographische Angaben :

Christoph Hein : Frau Paula Trousseau

Suhrkamp Verlag

ISBN : 978-3518460047

© Jost Renner

Ernst Piper : Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

2013, kurz bevor sich der Tag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Male jähren sollte, legte Ernst Piper, Historiker, Literaturagent und Verleger, seine Kulturgeschichte des ersten Weltkrieges vor. Der Einleitung kann man entnehmen, daß das – einstige – Familien-Unternehmen, der Piper-Verlag direkt vom Krieg betroffen war : hatte man sich zunächst als Begleiter der Avantgarde etabliert, so stand nun die Produktion von patriotischen Heften und Büchern im Vordergrund. Insgesamt aber war das Verlagsgeschäft in den Kriegsjahren ein Risiko, denn die deutsche Zensur war rigide, und wurden etwa pazifistische oder auch nur versöhnende Texte veröffentlicht, konnte das Verbote, aber auch mangelnden Absatz nach sich ziehen. Auch Großbritannien kannte bei Pazifismus kaum Nachsicht.

Piper eröffnet seine ausführliche Darstellung mit dem Schicksal Trakls, der als Militärapotheker diente, einen Nervenzusammenbruch erlitt, weil er mit den fürchterlichen Zuständen und der Hilflosigkeit im Lazarett nicht zurechtkam, wurde von Kameraden an einem Selbstmordversuch gehindert und in ein Militärhospital zur Beobachtung seines Geisteszustandes eingewiesen. Dort starb er an einer Überdosis Kokain. Wie viele andere expressionistischen Dichter behandelte er in seinen Texten das Thema Krieg, jedoch war für ihn – im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen – damit nichts Positives verbunden : er war die Apokalypse, der keine Erlösung folgen würde.

Viele Expressionisten, später sehr viel extremer die italienischen Futuristen, sahen den Krieg als Agens zur Änderung der herrschenden Zustände, als notwendiges Chaos zur Überwindung des grauen Einerlei. Insbesondere in Deutschland und Frankreich zogen unzählige Künstler in den Krieg – und verloren ihr Leben. So starben Apollinaire, der britische Komponist George Butterworth, Alfred Lichtenstein, August Stramm, Hermann Löns, August Macke und Franz Marc auf den Schlachtfeldern. Nicht wenige von ihnen waren begeistert ins Feld gezogen, um ihr jeweiliges Land zu verteidigen.

Auch die offizielle deutsche Propaganda sah Deutschland in einem Verteidigungskrieg. Man schuf im Parlament einen Burgfrieden, und die Sozialdemokraten stimmten immer wieder den Kriegskrediten zu, auch um dadurch eine Demokratisierung zu erreichen, die jedoch ausblieb. In Frankreich gab es als Pendant die Union sacrée, die allerdings liberaler und demokratischer war – und damit erfolgreicher. Selbst als deutsche Truppen die belgische Stadt Löwen und später die Kathedrale von Reims zerstörten, fanden sich Wissenschaftler und Akademiker, die solch barbarisches Vorgehen als notwendig verteidigten und den Argumenten des Kaisers und der Regierung blind folgten. Die Verteidigung dieser sinnlosen Zerstörungen gerieten außenpolitisch jedoch zum Desaster. Hatten die Länder bislang schon Kunst und Literatur des jeweiligen Gegners „aussortiert“, brachen nun auch die wissenschaftlichen Arbeitsbeziehungen zusammen.

Einer der wenigen Lichtblicke war die Schweiz : als neutraler Staat mit einer liberalen Einwanderungspolitik, die sich erst zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ändern sollte, bot sie Zuflucht für Oppositionelle, Pazifisten aus allen Staaten. Romain Rolland, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Yvan Goll und Hugo Ball fanden hier Sicherheit …

Ernst Pipers Buch ist im wesentlichen eine populärwissenschaftliche Darstellung der künstlerischen und intellektuellen Positionen in den Jahren des Krieges, also kein Fachbuch, das an der Erarbeitung neuer historischer Erkenntnisse interessiert wäre. Das kommt dem Leser wegen einer sehr guten Lesbarkeit durchaus zugute. Als Laie ist es mir kaum möglich, etwaige Fehler zu finden oder die Aktualität der verwendeten Quellen zu beurteilen. (Dazu lese man den betreffenden Abschnitt einer Sammelrezension bei H-Soz-Kult.)

Der Autor folgt zumeist der Chronologie der Geschehnisse, unterbricht sie aber ab und an, um bestimmte Schwerpunkte, etwa das Exil in der Schweiz, die Lage der Juden in Deutschland und Rußland auszuleuchten oder die Entwicklung des Alldeutschen, des Antisemitismus und Völkischen bis hin zum späteren Nationalsozialismus darzustellen. Hier weitet sich die Kulturgeschichte in Bereiche der Geistesgeschichte und Ideologie-Geschichte. Das scheint mir wichtig und geboten, denn keine Kunst, kein Künstler existiert außerhalb geistiger, gesellschaftlicher Strömungen, mag er sich ihnen anschließen oder zu ihnen in Opposition stehen.Dennoch wirkt der Aufbau des Buches so teils wenig stringent, manchmal ein bißchen zerfleddert. Dagegen findet Alltag, bzw. Kulturgeschichte „von unten“ fast gar nicht statt.

„Nacht über Europa“ ist in meinen Augen ein gelungener Überblick über die künstlerischen und intellektuellen Debatten Strömungen und Ereignisse der damaligen Zeit, gut und gut lesbar geschrieben und durchaus anregend, sich mit dem Thema und der Zeit weiter lesend auseinanderzusetzen. Es ist geeignet, manches Erstaunen durch Erklärungen und Antworten abzumildern und in die nachfolgenden historischen Entwicklungen einzufügen. Als interessierter Laie war ich zwar immer gefordert, nie aber überfordert, und mein Schulwissen wurde – relevant – in einigen Bereichen erweitert.

Bibliographische Angaben :

Ernst Piper : Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs

Propyläen Verlag

ISBN : 978-3549073735

© Jost Renner

Max Mannheimer / Marie-Luise von der Leyen : Drei Leben. Erinnerungen

Lange hat es gedauert, bis Max Mannheimer in die Öffentlichkeit trat und sein Leben in den Konzentrationslagern Auschwitz, Warschau und Dachau interessierten Zuhörern in Vorträgen zu schildern begann. Erst 1985, also 40 Jahre nach seiner Befreiung durch Soldaten der US-Armee, auf Anfrage des Historikers Wolfgang Benz unternahm er es, Schülern, Geistlichen, Soldaten und Parteimitgliedern von seinem Leben zu erzählen. Nur seiner Tochter Eva hatte er bereits 1965 ein „Verspätetes Tagebuch“ über seine Zeit in den deutschen Konzentrationslagern aufgeschrieben, das zunächst zwanzig Jahre unentdeckt in den Archiven der Gedenkstätte des KZs Dachau lagerte, bis es dann 1985 in den Dachauer Heften veröffentlicht wurde.

1920 wird Max Mannheimer im nordmährischen Neutitschein (Nový Jičín) geboren. Die Stadt gehört seit der Loslösung von der k.u.k. Monarchie Österreich nach dem Ersten Weltkrieg zur neugegründeten zur Tschechoslowakischen Republik. Die meisten Einwohner sind Deutsche, die jüdische Gemeinde ist mit gerade 209 Mitgliedern verschwindend gering, kann allerdings relativ unbehelligt leben. Der Vater, zunächst Besitzer einer Gastwirtschaft, eröffnet später einen Lebensmittel-Großhandel und wirtschaftet recht erfolgreich. Dem ältesten Sohn folgen alsbald vier Geschwister – drei Söhne und eine Tochter – nach. Die Kindheit und Jugend verleben er und seine Brüdern und Schwestern relativ unbeschwert, zumal Max sich als optimistisch und teilweise naiv beschreibt. Selbst gelegentlichen antisemitischen Ausfällen ihm gegenüber verhält err sich gelassen, versucht diese aus der allgemeinen Stimmungslage und der Erziehung zu erklären. Denn offener Antisemitismus ist zunächst eher die Ausnahme, und selbst die bald erstarkenden sudetendeutschen Verbünde richten sich erst einmal gegen die tschechischen Mitbürger, denen gegenüber sie sich benachteiligt sehen. Auch der Machtergreifung Hitlers 1933 begegnet man relativ unbesorgt. Daß das Münchner Abkommen von 1938 den Weg für die Besetzung des Sudetenlandes freimachen würde, ahnt man da noch nicht.

Max besucht zunächst die Handelsschule, hilft im väterlichen Betrieb und arbeitet später in einem Kaufhaus. Seine Welt sind Frauen, Autos und Fußball, aber auch seine Aufnahme in die jüdische Gemeinde nimmt er ernst und genießt die ihm dort zugewiesene Rolle. 1938 allerdings ändert sich alles : die Deutschen marschieren ins Sudetenland ein. Schon am 9. November wird allzu deutlich, was nun droht : die „Reichspogromnacht“ findet auch hier statt. Nur die Synagoge wird nicht in Brand gesetzt, sehr wohl aber geplündert, da sie in der Nähe von Gastanks erbaut wurde und ein Brand für den gesamten Ort verheerende Folgen hätte haben können. Der Vater wird verhaftet und erst drei Monate später wieder freigelassen. Der Betrieb geht zugrunde, da die wenigen Kunden, die das Gebot mißachten, nicht bei Juden zu kaufen, das wirtschaftliche Überleben nicht sichern können. Außerdem sind die Juden angewiesen, die besetzten Gebiete zu verlassen und sich im nicht besetzten Teil der Republik anzusiedeln. Dorthin sollten die deutschen Truppen aber bald folgen.

Vor allem Max und einer seiner Brüder kommen nun für den Unterhalt der Familie auf, denn der Vater, der über 50 Jahre alt ist, findet keine Stelle. Sie verdingen sich als Straßenbauarbeiter, denn Juden sind nicht-körperliche Arbeiten seit der Annektion durch das Deutsche Reich verboten. Dennoch will man an bessere Zeiten glauben, hofft auf eine Niederlage der Deutschen im Krieg gegen Polen und verschmäht die noch mögliche Ausreise. Auch Max will nicht, sondern sieht sich in der Verantwortung, seine Familie zu ernähren.

1943 wird die gesamte Familie nach Theresienstadt abtransportiert. Max hatte zuvor seine Freundin Eva geheiratet, da es hieß, man würde Eheleute nicht trennen. Die Schwiegereltern bleiben dort, da die Behörden mit ihrem baldigen Ableben rechnen, die übrigen Familienmitglieder werden nach Birkenau geschafft. Die Selektion bei der Ankunft schickt Mutter, Vater, Schwester, einen Bruder und die Ehefrau in den sofortigen Tod. Nur Max und zwei Brüder überleben zunächst (und sie ahnen, ohne zu wissen, daß sie ihre Familie niemals wiedersehen werden). Für Max ist, schon seiner Brüder wegen, Selbstmord keine Alternative. Mit Glück, Geistesgegenwart undd der Hilfe seines jüngeren Bruders gelingt ihm das Überleben im KZ Auschwitz – trotz schwerer Erkrankungen, Schikanen der Blockältesten und Kapos und der wöchentlichen Selektionen. Einer der überlebenden Brüder wird bald arbeitsunfähig und bald von der SS in den Tod geschickt. An Gott mag Max nicht mehr glauben, ganz im Gegensatz zu Edi, der nach der Befreiung tief religiös wird.

Als ein Arbeitskommando für das ehemalige Warschauer Ghetto zusammengestellt wird, kann er einen SS-Offizier von seiner Arbeitsfähigkeit überzeugen und darf den Bruder dorthin begleiten. Er findet sogar Arbeit in Bereichen, die ihn körperlich nicht allzu sehr fordern. Auf dem Gelände des Ghettos entsteht ein neues Konzentrationslager, und da hier Arbeit und nicht Vernichtung im Vordergrund steht, ist die Überlebenschance ein klein wenig größer. Noch besser wird es, als beide nach Dachau gebracht werden, um die Ausfälle bei den Rüstungsarbeitern zu kompensieren. Die Blockältesten und Kapos sind eher politische Gefangene, keine Kriminellen wie in Auschwitz und Warschau, und – mit Ausnahmen – relativ human. Die gesundheitliche Lage und die Versorgung bleiben jedoch katastrophal …

Nach der Befreiung und einiger Zeit als Displaced Persons kehren Edi und er nach Neutitschein (Nový Jičín) zurück. Beide schwören sich, niemals wieder nach Deutschland zurückzukehren. Dennoch heiratet Max, sehr zum Mißfallen seines Bruders, eine nichtjüdische Deutsche, die, sozialdemokratisch geprägt, mit ihrer Familie vielen Juden geholfen hatte. Als Beneš die Vertreibung der meisten Deutschen verfügt, den Sozialdemokraten und anderen Widerstandskämpfern die Entscheidung über eine Ausreise frei läßt, entschliessen sich deren Eltern nach Deutschland zu gehen, und Elfriede, Max‘ Frau, inzwischen schwanger, will ihnen bald folgen. Max befindet sich in einem tiefen Zwiespalt, denn nach Deutschland zurück will er nicht, Efriede mit ihrer gemeinsamen Tochter allein lassen auch nicht. So folgt er ihr dann doch nach Bayern, wo sie bis zu ihrer tödlichen Krebserkrankung eine Karriere als sozialdemokratische Politikerin macht. Max sucht sich – immer wieder und ausschließlich – jüdische Arbeitgeber, zunächst Bekannte aus den Konzentrationslagern. Die recht lückenhafte Entnazifizierung – etliche Kriegsverbrecher und SS-Schergen gelangen mit internationaler Hilfe ins Ausland, die einst ausgesiebte mittlere und höhere Beamtenschaft wird wegen des Mangels an qualifiziertem Personal wieder eingestellt und selbst ein KZ-Wächter, den er wiedererkennt und anzeigt, kommt frei, weil er wahrheitsgemäß aussagt, daß er von Tötungen dieses Bewachers nichts wisse.

Im Wesentlichen schweigt Mannheimer – auch seiner Familie gegenüber – und lebt traumatisiert in einem „inneren Ghetto“ wie so viele seiner Leidensgenossen. Er mag nicht hassen – oder kann es nicht – und sucht die Versöhnung. Dennoch bricht er bei einem USA-Besuch (seine dritte Frau, Grace, ist Amerikanerin) beim Anblick eines Hakenkreuzes zusammen. Der anschließende Aufenthalt in einer Psychiatrie und auch Behandlungsversuche in Deutschland scheitern, auch weil er über seine Lagerzeit nicht reden kann. Nur das Malen hilft ihm ein wenig, das Trauma zu lindern. Er verfertigt zunehmend abstrakter werdende Gemälde, signiert sie mit ben jakov zu Ehren seines Vaters und findet Anerkennung als Künstler.

Marie-Luise von der Leyen, einst Journalistin beim „Stern“ und Kulturredakteurin bei der „Vogue“, hat es – nach einigem Zögern – unternommen, Max Mannheimers Erinnerungen in Buchform zu bringen. Erst Mannheimers versöhnliche Haltung habe sie überzeugen können, daß sie für diese Aufgabe die Richtige sei. Sie beläßt darin dem Erzähler sein „Ich“, sodaß größtmögliche Authentizität gewahrt bleibt. So dürfte ihre Hauptaufgabe neben dem Protokollieren darin bestanden haben, stilistisch ein wenig zu schleifen, Fakten beizutragen und den Text sinnvoll zu gliedern. Mannheimer erzählt seine Geschichte in klaren, einfachen Sätzen, wirkt schonungslos ehrlich, auch wenn sich der Eindruck einer eher sachlichen Distanz nie ganz vermeiden läßt. Dies aber ist nicht als Eingriff von der Leyens zu sehen, sondern etwas, das sich Max Mannheimer in seinen Vorträgen selbst antrainiert hat, zumal ihn jeder Vortrag so nervös machte, daß er in der Anfangszeit Beruhigungsmittel brauchte, um überhaupt reden zu können. Ich denke, dies kommt sehr wohl dem Leser zugute, denn dass Ziel seiner Bemühungen seit 1985 und auch dieses Buches ist die Aufklärung. Und die funktioniert, meiner Meinung nach, am besten in einer Mischung aus vollkommener Ehrlichkeit und ein wenig Distanz.

Wir haben Max Mannheimer und zahlreichen anderen zu danken : für ihre Schilderungen des Unvorstellbaren, für ihren Wunsch nach Versöhnung und Aufklärung, die beide Hand in Hand gehen. Beides ist nicht selbstverständlich. Und daß Mannheimer 2016 im Alter von 96 Jahren starb, macht ziemlich deutlich, daß bald die Zeitzeugen des Grauenhaften fehlen werden und die Narrrative der zeitgebundenen Geschichtswissenschaft und interessierten politischen Parteiungen anheimfallen werden. So ist jede Erzählung dees eigenen Erlebens, sei es auf Videos, sei es in Buchform ein Geschenk – und eine Mahnung, nie wieder dorthin zu kommen. Oder, um es mit Max Mannheimer zu sagen :

„Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Bibliographische Angaben :

Max Mannheimer / Marie-Luise von der Leyen : Drei Leben. Erinnerungen

dtv Verlagsgesellschaft

ISBN : 978-3423348416

© Jost Renner

Stephen King / Owen King : Sleeping Beauties

Als eines Tages eine junge, unbekleidete Frau in den Wäldern der Appalachen West-Virginias auftaucht, ahnt noch niemand etwas Böses. Das aber soll sich schnell ändern : Sie tötet zwei Drogenkocher mit übermenschlicher Körperkraft, läßt sich bereitwillig festnehmen und in das Frauengefängnis der kleinen Stadt Dooling überstellen, in der der Ehemann der Polizistin Lila Norcross als Psychiater arbeitet. Zeitgleich tritt weltweit ein seltsames Phänomen auf : Frauen schlafen ein, und aus ihren Sekreten entsteht ein Kokon, der sie nach und nach vollkommen umhüllt. Versuche, diesen zu entfernen, läßt die Frauen erwachen, zu reißenden Bestien werden und nach vollendeter Bluttat wieder einschlafen.

Die Frauen versuchen sich, als ihnen ihr Schicksal klar wird, mit allen Mitteln wachzuhalten, trinken literweise Kaffee, nehmen verschreibungspflichtige Medikamente oder – soweit zugänglich – Drogen. Ein besonderer Brennpunkt ist das Frauengefängnis, denn hier sind viele Frauen, Insassen und Aufseherinnen an einem Ort konzentriert. Letztlich aber ist man hilflos, denn ein Gegenmittel gibt es allem Anschein nicht. Nur der Neuzugang, Evie Black, kann wachen und schlafen, ohne dem Bann zu verfallen. Auch anderes läßt sie als mit übernatürlichen Kräften versehen erscheinen.

Die Männer des Ortes – und weltweit – haben ihre eigenen Methoden, mit dem Problem umzugehen. Wiewohl sehr besorgt, ihre – ja noch lebenden – weiblichen Angehörigeen irgendwie in Sicherheit zu bringen, glaubt man aufkommenden Gerüchten, daß die Fasern der Kokons ansteckend seien und geht daran, die Kokons mitsamt der schlafenden Frauen systematisch zu verbrennen. In Dooling selbst haben die Männer Gerüchte gehört, daß im Gefängnis eine Frau sei, die vielleicht helfen könnte, die Frauen wieder erwachen zu lassen. Man rüstet sich also zum Krieg, im Gefängnis unter der Leitung des Psychiaters zur Verteidigung, umso bereitwilliger, weil Evie durchblicken läßt, sie könnte die Frauen zurückbringen. Allerdings auch nur dann, wenn diese zustimmten.

Es ist nicht das erste Mal, daß sich Stephen King mit der Gewalt gegen Frauen beschäftigt, so war das schon Thema in „Rose Madder“ („Das Bild“), wo eine Frau nach 15 Jahren in einer gewalttätigen Beziehung „aufwacht und versucht, ein eigenständiges, neues Leben zu führen, und sich dann mit ihrem sie verfolgenden Ehemann auseinandersetzen muß. In „Sleeping Beauties“ aber gehen Stephen King und Sohn Owen das Thema politischer und globaler an. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern stimmen ganz und gar nicht. Die beschriebenen Männer sind so ein Panoptikum von gewalttätigen, unterdrückenden und herrischen Machthabern oder sind (selbstherrliche, kaum kommunizierende) einsame Wölfe, die die Basis des Miteinanders nicht erfüllen können (oder wollen).

Im Gefängnis finden sich dann die Gegenbilder dazu, Frauen, die selbst getötet haben, drogenabhängig wurden, nicht selten als Folge einer katastrophalen Beziehung, aber auch wegen vielerlei Diskriminierungen … An einer Stelle – in Hinsicht auf das mögliche (und ansatzweise geschilderte) Utopia konstatieren beide aber auch : Gewalt und Zwist gehörten zur menschlichen Grundausstattung, seien also auch dort nie ganz zu vermeiden.

Daß sich nun aber die Übelsten unter den Männern zusammenrotten, um das Gefängnis zu erstürmen, folgt einer typischen Dramaturgie Stephen Kings, wie man sie auch aus „The Stand“ oder „Needful Things“ kennt. Das Übernatürliche spielt gewiß eine – nicht unerhebliche – Rolle, aber die Menschen tun recht bereitwillig iihren Teil dazu, daß aus einem Schlamassel alsbald ein blutiges Gemetzel mit Endzeitcharakter entsteht. Und daran, daß es recht bald übel enden würde, kehrten die Frauen nicht aus ihrem Schlaf zurück, daran lassen beide Autoren keinen Zweifel. Und ich bin sehr geneigt, ihnen darin zu folgen.

Der Roman ist so sehr ein typischer „Stephen King“ – vom Ambiente der an der amerikanischen Ostküste über die Aufteilung der Protagonisten und Antagonisten hin bis zu seinem (hier nicht ganz so) unterschwelligen Engagement -, daß ich mich nach Interviews umsah, in dem der Anteil Owen Kings beschrieben wurde. Die dort geschilderte Arbeitsweise, etwa das gegenseitige Überarbeiten der jeweiligen anderen Teiltexte, haben einen recht einheitlich wirkenden Text entstehen lassen, der sehr deutlich die Handschrift des Vaters trägt. Ich vermute zudem, daß die Ambivalenz des übernatürlichen Wesens, das definitiv diesmal kein Monster ist, einigen Diskussionen zwischen den beiden zu verdanken ist. Auch die klare Struktur des Gesamtwerkes ist mit Sicherheit eine zwangsläufige und notwendige Folge der Kooperation.

Ich habe einen sehr ansprechenden, spannenden und unterhaltsamen Text gelesen, dessen Schemata mir über Jahre, Jahrzehnte vertraut erscheinen, ohne daß sie hier lustlos oder gar abgenutzt erschienen. Auch haben die Personen für mich genug Tiefe, um mehr zu sein als genormte Spielfiguren, aber natürlich weniger als in einem analysierenden psychologischen Kammerspiel, schließlich ist Handlung, zum Teil recht martialisch ein treibendes Element. Gelungen scheint mir auch die Einbindung des politischen, ansatzweise feministischen Hintergrunds, der an keiner Stelle zum Traktat wird, aber dennoch immer präsent ist. Inwieweit erzählende Literatur Bewußtsein verändern (oder auch nur erwecken) kann, bliebe zu diskutieren, aber der Satz „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist nicht ganz zu verwerfen …

Das Buch wird Mitte November 2017 in deutscher Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt beim Heyne Verlag (ISBN : 978-3453271449) erscheinen.

Bibliographische Angaben :

Stephen King / Owen King : Sleeping Beauties

Hodder & Stoughton

ISBN : 978-1473665194

© Jost Renner

John Updike : Sucht mein Angesicht

Im Frühjahr 2001 wird die achtundsiebzigjährige Malerin Hope Chafetz von der jungen Kunsthistorikerin und Journalistin Kathryn in ihrem Landhaus in Vermont interviewt. Kathryn will für ein Online – Magazin einen Beitrag über den Siegeszug der amerikanischen Kunst und Malerei verfassen und interessiert sich vor allem für die Rolle von Hopes erstem Ehemann Zach McCoy. Dieser gilt mittlerweile als Ikone und Begründer der modernen amerikanischen Kunst. Hope beantwortet die Fragen nur widerstrebend und zurückhaltend, aber das Interview bringt sie dazu, sich an ihre Ehe mit Zach, an die New Yorker Kunstszene und an ihre eigenen Anfänge als Malerin zu erinnern.

Ausgehend von den europäischen Kunsttheorien und vom Surrealismus beginnt sich in den vierziger Jahren die amerikanische Künstlerszene abzukoppeln und eigene Wege zu gehen. Unter ihnen ist Zach McCoy, ein leidenschaftlicher, aber auch an sich selbst leidender Künstler. Hope heiratet ihn – die gesellschaftlichen Zwänge Amerikas gebieten dies – und muß schnell erkennen, daß McCoy nicht nur sich, sondern auch andere quält. Ihr bleibt kaum Raum, selbst zu malen, sondern sie ist mehr und mehr mit der Unterstützung des Ehemanns beschäftigt. Als der mit seinem Stil des „Tröpfelns“ zunehmend Berühmtheit erlangt, die ihm finanziell jedoch kaum etwas einbringt, hat er Schwierigkeiten, sich mit seiner neuen, öffentlichen Rolle zurechtzufinden und beginnt wieder, dem Alkohol zu verfallen. Schließlich verunglückt er im Vollrausch tödlich.

Das Interview gestaltet sich eher zäh, manchmal als Kampf zwischen den beiden so verschiedenen Frauen. Kathryn ist zielorientiert, sachlich und oft quälend insistierend. Nur selten zeigt sie menschliche Regungen, trotz aller Bemühungen auf Seiten der alten Malerin. Nur in kurzen Pausen scheint etwas Natürliches, Menschliches durch. Auch Hopes zweiter Ehemann, Guy Holloway, ist für Kathryn ein interessantes Thema. Der ist ebenfalls Maler und Künstler, gehört aber künstlerisch eher zur nachfolgenden Generation. Er geht mit Kunst eher spielerisch um, sein Augenmerk liegt mehr auf dem Betrachter als darauf, sein Innerstes in seiner Kunst abzubilden. Er ist Gesellschaftstier, Bonvivant und Bohémien. Mit ihm hat Hope drei Kinder, doch nach 17 Jahren Ehe verläßt er sie, ruhelos weitergetrieben. Auch in dieser Ehe war Hope von der Kunst, ihrem eigenen Schaffen und dem ihres Mannes eher ausgeschlossen. Erst in einer dritten Ehe mit einem Kunstsammler kann sie ihr eigenes Talent wieder aufleben lassen…..

Bei diesem Buch handelt es sich in weiten Teilen um einen Schlüsselroman. Zach McCoy ist eindeutig als Jackson Pollock zu identifizieren, Guy Holloway ist eine Komposition aus drei, vier verschiedenen Malern, am deutlichsten zu erkennen : Andy Wahrhol, aber auch Roy Lichtenstein ist in die Romanfigur eingeflossen. Scheinbar verläßt Updike mit diesem Buch sein angestammtes Thema : die Irrungen und Wirrungen der weißen, protestantischen Mittelschicht in den USA, und doch findet man sich genau da wieder.

Die Kunst, die Kunsttheorie nehmen viel Raum ein, sodaß ein nicht kunstinteressierter Leser zumindest am Anfang leicht die Geduld verlieren könnte. Das Buch ist aber nicht monothematisch. Zum einen fesselt es, das Widerspiel der beiden weiblichen Antagonisten – Journalistin und Malerin, die genau weiß, daß nicht sie im Mittelpunkt des Interesses steht, zu verfolgen, zum anderen sind die so entgegengesetzten Figuren der Ehemänner und Hopes Erleben ein lohnendes und reichhaltiges Gebiet, das Updike gekonnt und routiniert gestaltet. Und dies sind nicht die einzigen Aspekte dieses Romans : Einmal mehr – wie zuvor in seinen letzten Büchern – sind Alter und Tod ein zentrales, wenn auch meist eher unterschwelliges Thema, das Bedürfnis, seine Erfahrungen weiterzugeben, wirksam zu sein, bevor man stirbt (sicherlich eine wichtige Motivation für Updikes Schaffen der letzten Jahre).

Titelgebend und die letzten Seiten prägend ist die Suche nach Gott – in sich, in der Kunst und im Leben. Auch wenn das Buch mit Sicherheit nicht das „Opus Magnum“ Updikes ist – das hat er mit der Rabbit-Tetralogie schon lange geschaffen – habe ich dieses Buch mit Interesse, Vergnügen, gespannt und unterhalten gelesen, auch wenn mich am Ende eindeutig patriotische Statements ein wenig geärgert haben.

Bibliographische Angaben :

John Updike : Sucht mein Angesicht

Übersetzt von Maria Carlsson

Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN : 978-3499242328

© Jost Renner

Wendy Moore : The Knife Man

In ihrer Biographie befaßt sich die Wissenschaftsjournalistin Wendy Moore mit dem Leben und Wirken des aus Schottland stammenden Mediziners John Hunter. Der wurde als eines von zehn Geschwistern einer Bauernfamilie geboren. Vater und acht seiner Geschwister starben früh. Im Alter von zwanzig Jahren geht er nach London, um bei William, dem zehn Jahre älteren Bruder, eine Ausbildung in der Anatomie zu absolvieren. Williams Vorstellung einer Anatomie-Schule sind gleichermaßen revolutionär wie schwer zu verwirklichen : er garantiert jedem Schüler genügend Leichname, um sich in der Kunst der Sektion zu üben und den anatomischen Aufbau des Menschen durch Anschauung zu erfahren. Da in Großbritannien aber per Gesetz nur jährlich vier, später sechs Leichname Gehängter legal zur Verfügung stehen, ist er – wie viele zeitgenössische Mediziner – auf die Mitwirkung von Leichenräubern angewiesen. John, der schnell sein Talent und handwerkliches Geschick bewiesen hat, wird bald Williams Assistent und damit auch verantwortlich für die Beschaffung der benötigten Körper. Es entwickelt sich unter seiner Ägide ein immer umfassenderes System des Leichenraubes.

John Hunter wird zunehmend unentbehrlich für seinen Bruder William. Denn eines unterscheidet die beiden : während William nach gesellschaftlichem Aufstieg und sozialer Anerkennung trachtet, treibt den jüngeren Bruder Forschungsdrang und Lust am Experiment. Als Assistent seines Bruders entwickelt John – im krassen Gegensatz zur in England angewandten, immer noch auf den Grundsätzen der antiken Medizin basierenden Heilkunst – nach und nach wissenschaftliche Methoden. Penible Beobachtung und unzählige Präparationen erlauben ein weitergehendes Verständnis für Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers. Die Ausbildung im Krankenhaus allerdings bleibt für John eher bruchstückhaft, sodaß er praktische Erfahrung zumeist in der Armee erwirbt, als er ab 1760 am Siebenjährigen Krieg als Feldchirurg teilnimmt. Da er die traditionellen Praktiken in Frage gestellt, ist bei Kollegen und Vorgesetzten nicht wirklich gut gelitten, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Erst 1768 wird er eine Stelle als – unbezahlter – Chirurg an einem Krankenhaus erhalten und von seinen Kollegen ständig angefeindet werden.

Zurück in London arbeitet er zunächst mit einem Zahnarzt zusammen, befaßt sich mit Zahntransplantationen und widmet sich vermehrt der vergleichenden Anatomie. Nun geraten auch Tiere in seine wissenschaftliche Betrachtung : Vivisektionen, Experimente und Autopsien unzähliger Tiere sollen ihm die Prinzipien des Lebens verdeutlichen und schaffen auf Dauer wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem Stand der britischen Wissenschaft weit voraus sind und vor allem religiöse Grundlagen in Zweifel zu ziehen drohen : diese nämlich gehen davon aus, daß die Erde etwa 4000 Jahre zuvor in sieben Tagen erschaffen wurde, daß es zwar verschieden entwickelte Tiere gegeben habe, diese aber von Gott unabänderlich und vollkommen geschaffen worden seien. Doch Hunters Untersuchungen zu Fehlbildungen und Hermaphroditen, ebenso wie einige Knochenfunde, legen nahe, daß Tierarten sich verändern und auch aussterben können. Hunter veröffentlicht seine Schriften meist nur sehr zögerlich. Sie untersuchen solch unterschiedliche Themen wie Aufbau und Erkrankungen der Zähne, die getrennten Kreisläufe von Mutter und Embryo im Uterus oder Geschlechtskrankheiten. Für die letztgenannte Schrift infiziert er sich selbst mit dem Gonorrhoe – Erreger und – unwissentlich – mit dem Erreger der Syphilis, die bis dahin als eine Fortentwicklung der Gonorrhoe gesehen wurde. Zwangsläufig wird Hunter diese These bestätigt finden, obwohl sie falsch ist.

Tragischer jedoch sind die Spätfolgen der Syphilis – Erkrankung, die Hunter ab dem fünfundvierzigsten Jahr heimsuchen werden : begünstigt durch ein enormes Arbeitspensum und nur vier bis fünf Stunden Schlaf in der Nacht wird er bis zu seinem Tod an einer Angina pectoris leiden, die Herzanfälle und körperliche Einschränkungen verursachen. Unter wissenschaftlichen Kollegen ist Hunter inzwischen hoch angesehen. Befreundete Ärzte beauftragen ihn immer wieder mit Autopsien, und auch der Vorbehalt der Angehörigen ist spürbar geringer geworden. Zudem gilt er als Fachmann für die Anatomie von Tieren. Und er ist verlobt : Anne Home, Dichterin und Tochter aus wohlhabendem Hause, wird ihn heiraten, sobald er eine Famile ernähren zu können glaubt. Sieben Jahre wird es dauern, denn Hunter gibt sein nicht allzu knappes Einkommen für den Ankauf von Präparaten und seltenen Tieren aus. Als er stirbt, wird er eine Sammlung von twa 15.000 Exponaten besitzen, die die Familie nach seinem Ableben unterhalten sollen. Obwohl er Mitglied der Royal Society ist, mit vielen der Geistesgrößen seiner Zeit bekannt und weitgehend anerkannt ist, bleiben die Konflikte mit Kollegen nicht aus. Seine Ideen, etwa Studenten im Krankenhaus direkt zu unterrichten, stoßen auf Ablehnung. Auch seine neuen Methoden können sich unter seinen Kollegen nicht durchsetzen, wohl aber unter seinen Schülern, die er in den zurückliegenden Jahrzehnten zu hunderten ausgebildet hatte.

Im Alter von fünfundsechzig Jahren stirbt John Hunter während einer Auseinandersetzung mit seinen Kollegen und Vorgesetzten im Krankenhaus. Sein finanzielles Vermächtnis besteht aus Schulden, sein wissenschaftliches reicht von Versuchen zur Transplantation über erste Schritte zur künstlichen Ernährung, Versuche der künstlichen Befruchtung, Erkenntnisse und Forschungen zur Geologie und Paläontologie bis hin zu den ersten Schritten einer Evolutionstheorie.

„The Knife Man“ ist eine umfassende und kenntnisreiche Biographie über einen Pionier der modernen Medizin, aber ebenso ein recht anschauliches Bild des achtzehnten Jahrhunderts in Großbritannien und Europa. Die medizinische Behandlung, fußend auf antiken Schriften, beschränkte sich weitgehend auf Aderlässe, das Schröpfen, Trepanationen und Amputationen. Ärzte mieden zumeist den körperlichen Kontakt mit ihren Patienten und überließen es Chirurgen und Barbieren, die Behandlungen durchzuführen. Während in Kontinental-Europa die Restriktionen seit der Renaissance nach und nach gemildert wurden, mußten britische Anatomen illegal agieren und gegen erhebliche gesellschaftliche Widerstände ankämpfen. Doch vor allem scheiterte die Weiterentwicklung am Beharren der Ärzte und Chirurgen, die alles Neue schnell verwarfen.

John Hunter jedoch war der strikten Auffassung, daß nur Anschauung den richtigen Weg zur Behandlung weisen könnte, und daß auch die Ausbildung künftiger Mediziner nur durch Anschauung zu gewährleisten sei, wie es sich auch heute in Wissenschaft und Lehre durchgesetzt hat. Wendy Moore zeichnet das Bild eines energischen, manchmal brüsken und aufbrausenden Mannes, der sein Leben fast ausschließlich der Arbeit und seiner Sammlung von Präparaten und ausgestopften Tieren widmete. Folgerichtig erfährt man nur wenig über den Privatmann John Hunter, denn dieser existiert fast gar nicht. Zwar konnte er bei gesellschaftlichen Anlässen umgänglich und höflich sein, doch entzog er sich, so gut er konnte, zumeist solchen Verpflichtungen, selbst als seine Frau im gemeinsamen Haus einen regelmäßigen Salon hielt. Allenfalls ein kleiner Kreis ebenso begeisterter Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen innerhalb der Royal Society konnte mit seiner Anwesenheit und regem Austausch rechnen. Ansonsten verschwand er schnell wieder in seinem Sektionssaal oder widmete sich dem Unterricht seiner privaten Schüler.

Wendy Moore macht es einem zunächst nicht leicht, in das Buch zu finden, meint sie doch gerade in den ersten Kapiteln, ab und an Geschehnisse auf einer halb – fiktionalen Ebene behandeln zu müssen, die aufgrund eines gewissen Pathos und einer immer spürbaren Überhöhung schnell abstoßend wirkt. Doch besinnt sie sich bald und schildert dann mit größerer Sachlichkeit, immer wieder Quellen anführend, den Lebenslauf und das gesellschaftliche Umfeld, läßt Studenten Hunters und etliche Zeitgenossen – von Joseph Haydn über Samuel Johnson, Tobias Smollett, Thomas Gainsborough bis zu David Hume und Benjamin Franklin das Tableau erweitern. Moore ist es gelungen, ein äußerst lebendiges und interessantes Bild des Forschers und seiner Zeit zu entwerfen, bei aller spürbaren Wertschätzung die meiste Zeit sachlich zu schreiben und den Leser auf eine wissenschaftliche Entdeckungsreise zu schicken, an der er seine Freude haben dürfte. Dazu hätte es des allzu reißerischen Untertitels „Blood, Body-Snatching and the Birth of Modern Surgery“ (der mir vorliegenden Ausgabe) wahrlich nicht bedurft, denn die Anfänge der Naturwissenschaften, erst recht eine Person, die sich in vielen Gebieten versucht hat, sind spannend genug. Zudem verzichtet die Autorin im Text nahezu vollkommen auf solche Effekthascherei, sodaß, wer sich „Splatter“-Szenen erhoffen mag, in diesem Buch wohl kaum auf seine Kosten kommen wird.

Das Buch ist bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden, sodaß ich noch kurz etwas zur Sprache sagen möchte : mit gutem bis sehr gutem Schulenglisch und einiger Leseerfahrung wird man den 560 Seiten umfassenden Text, dazu kommt ein Anmerkungs – und Bibliographie – Apparat von knapp einhundert Seiten, im Großen und Ganzen gut erfassen und verstehen können. Allerdings ist die Zuhilfenahme eines Wörterbuches wegen medizinischer, anatomischer und medizinhistorischer Begrifflichkeiten dann doch zu empfehlen, auch wenn manches sich aus dem Kontext erschließt. Davon abgesehen läßt sich diese Biographie flüssig lesen, was auch dem Stil der Autorin zu verdanken ist.

Bibliographische Angaben :

Wendy Moore : The Knife Man

Bantam Books

ISBN : 978-0553816181

© Jost Renner